Begegnung auf dem Flur

Zwei Besucher, Weihnachtsgeschenke und eine Verbindung, die blieb.

Jan Hahn mit Marlene Lufen

Es war kurz vor Weihnachten, irgendwann in meinen ersten Jahren in Berlin.

Ich ging gegen Nachmittag über den Flur der Kinderklinik, als mir ein Mann und eine Frau entgegenkamen. Beide sahen aus, als suchten sie etwas. Offenbar waren sie zum ersten Mal bei uns und wussten nicht so recht, wohin sie mussten.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich. „Wir suchen die Kinderkrebsstation.“ „Und was möchten Sie dort?“ „Wir kommen vom SAT.1-Frühstücksfernsehen und möchten den Kindern Geschenke bringen.“

Ich wusste nicht sofort, worum es ging. Sie erklärten es mir. Das SAT.1-Frühstücksfernsehen stellte jedes Jahr vor Weihnachten Spielzeug vor. Die Hersteller schickten Neuheiten ins Studio, dort wurden sie getestet und präsentiert. Alles, was anschließend übrig blieb, landete nicht im Lager, sondern wurde an unsere Kinderkliniken verschenkt. Seit Jahren kamen die Moderatoren deshalb kurz vor Weihnachten zu uns auf die kinderonkologische Station. Ich fand die Idee großartig.

Während wir auf dem Flur standen, erzählte ich den beiden etwas über unsere kleinen Patienten, über Leukämien, Tumoren und darüber, wie sich das Leben einer Familie von einem Tag auf den anderen verändern kann. Plötzlich bemerkte ich, dass die Frau neben mir still geworden war und weinte. Die Tränen kullerten. Die Frau war einfach ehrlich betroffen von dem, was sie gerade hörte. Ihr Kollege war ebenfalls sichtlich bewegt, versuchte seine Gefühle aber etwas besser zu verbergen. Ich zeigte den beiden den Weg auf die Station, bedankte mich und verlor sie aus den Augen. Dort verteilten die beiden ihre Geschenke. Ich fand das Ganze richtig nett. Später wurde mir erst klar, wer die beiden gewesen waren.

Die Frau war Marlene Lufen.

Der Mann Jan Hahn.

Jan Hahn
Jan Hahn

Jan begegnete mir in den folgenden Jahren immer wieder. Häufig trafen wir uns bei den Galas von Ein Herz für Kinder. Aus den kurzen Gesprächen wurden längere, irgendwann waren wir per Du, und aus einer zufälligen Begegnung auf dem Flur entwickelte sich eine freundschaftliche Verbindung.

Eines Tages fragte mich Jan, ob ich nicht einmal ins SAT.1-Frühstücksfernsehen kommen wolle, um eines unserer Projekte vorzustellen. Unterstützung konnten wir immer gebrauchen, also sagte ich zu. So lernte ich eine Welt kennen, die mit Medizin zunächst überhaupt nichts zu tun hatte.

Ich war beeindruckt, wie professionell dort gearbeitet wurde. Jeder Handgriff saß. Jeder wusste genau, was er zu tun hatte. Die Sendung wirkte locker und spontan, war aber bis ins kleinste Detail vorbereitet. Mich hat das fasziniert. Ich habe immer versucht, von Menschen zu lernen, die etwas besonders gut konnten – ganz gleich, ob sie Architekten, Fernsehleute oder Ärzte waren.

Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch den Produzenten Ben Franke kennen. Aus der Bekanntschaft wurde später eine Freundschaft. Irgendwann brachte nicht mehr Jan die Weihnachtsgeschenke zu uns in die Klinik, sondern Ben. Ich nahm sie in Empfang und brachte sie auf unsere kinderonkologische Station.

Das letzte Mal traf ich Jan Hahn bei der Sommerveranstaltung von Ein Herz für Kinder auf den Wannseeterrassen. Dort kamen jedes Jahr die Menschen zusammen, die sich in unterschiedlichster Weise für die Stiftung engagierten. Wir unterhielten uns wie immer ganz ungezwungen. Keiner von uns ahnte, dass es unsere letzte Begegnung sein würde. Kurze Zeit später erkrankte Jan selbst an Krebs und starb.

Wenn ich heute an ihn denke, fällt mir deshalb nicht zuerst der Fernsehmoderator ein.

Ich sehe einen Mann vor mir, der kurz vor Weihnachten zusammen mit Marlene Lufen durch den Flur unserer Kinderklinik lief, um schwer kranken Kindern eine Freude zu machen.