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Wie mein Vater starb

Die letzten Wochen seines Lebens.

Mein Vater wollte immer das Jahr 2000 erleben. Das schaffte er. Er lebte bescheiden und achtete auf sich, besonders nach einem Herzinfarkt einige Jahre zuvor. Er nahm bewusst ab und wurde ziemlich hager. Im Herbst 2001 klagte er immer wieder über Schweißausbrüche, vor allem während und nach dem Essen. Er nahm das zunächst nicht weiter ernst. Schließlich war er intensiv mit den Vorbereitungen für die Diamantene Hochzeit am 27. Dezember beschäftigt. Und danach stand schon das nächste große Ereignis bevor: sein 90. Geburtstag im März 2002.

Mein Vater war gut im Organisieren von Veranstaltungen. Er war Touristikleiter beim örtlichen ADAC-Club und Präsident des Karnevalvereins gewesen. Feste zu veranstalten lag ihm. Vielleicht hatte er das von seiner Mutter geerbt. Die Schumachers waren Wirtsleute, und dort wurde gerne im großen Familienkreis gefeiert, gesungen, musiziert und gescherzt. Einiges davon hat sich bei uns Kindern erhalten.

Die Diamantene Hochzeit organisierte mein Vater weitgehend selbst. Ulli reiste mit ihren Kindern eigens aus Kalifornien an. Wir sechs Kinder waren da, dazu die inzwischen stattliche Schar der Enkelkinder. Genau so mochten es meine Eltern. Sie hatten gerne viele Menschen und vor allem viele Kinder um sich herum.

In den Tagen um Weihnachten kam bei meinem Vater allerdings ein weiteres Symptom hinzu: Durchfall. Mein Vater tat das als Darmgrippe ab. Am 27. Dezember wurde gefeiert. Zunächst ging es zur heiligen Messe in die St.-Anna Kirche am Oberen Markt. Meine Eltern hatten die Messe für sich bestellt und knieten vor dem Altar. Der Rest saß weiter hinten. Im Anschluss gab es noch einen besonderen Höhepunkt, ganz im Sinne meiner Eltern. Meine Nichte Gina war mit ihrem Baby Lukas aus den USA angereist. Sie hatte ihre Kindheit in Deutschland erlebt und eine innige Beziehung zu Morbach aufgebaut. Es war ihr Wunsch, das Baby in der St.-Anna Kirche taufen zu lassen. Das geschah im Anschluss an die heilige Messe.

Heilige Messe
Meine Eltern nach der heiligen Messe im Kreis ihrer sechs Kinder.

Und dann gings ab zum Essen ins Hotel Rahn. Es war eine schöne Feier, und natürlich hielt mein Vater eine Ansprache. Das tat er gerne. Er bedachte jedes seiner Kinder mit einem Kompliment, aber irgendetwas war anders als sonst. Er wirkte nicht mehr so souverän wie bei früheren Ansprachen, brachte aber alles mit Bravour hinter sich.

An Silvester folgte gleich die nächste große Sause. Wir feierten mit etwa fünfzig Personen in der Ausstellungshalle von Hubert, dem Schwager meines Bruders Heinz-Josef. Wieder waren fast alle da, und meine Eltern genossen es. Am 4. Januar ging es weiter. Mein Schwager Dabney feierte seinen 60. Geburtstag, wir fuhren in die Pfalz und hatten noch einmal eine große und lustige Familienfeier.

Einige Tage später verfärbte sich die Haut meines Vaters. Er wurde gelb. Als Mediziner wusste ich, was das bedeutete: ein Gallestau. Das erklärte auch einiges von dem, was in den Wochen zuvor passiert war. Meist steckt hinter einem solchen Gallestau ein Gallenstein, allerdings fehlten bei meinem Vater die typischen Koliken. Ich nahm ihn und meine Mutter kurzerhand mit nach Essen, wo ich damals als Oberarzt an der Kinderklinik arbeitete, und übergab ihn den Internisten. Das CT zeigte ein ausgedehntes Gallengangskarzinom. Angesichts der Ausdehnung des Tumors und seines Alters kamen weder eine große Operation noch eine Chemotherapie infrage. Ich besprach die schlechte Prognose mit meinen Eltern, und wir einigten uns mit den Internisten auf eine Maßnahme, die seine Beschwerden lindern sollte. Es wurde eine Yamakawa-Drainage gelegt, über die die Gallenflüssigkeit durch einen dünnen Schlauch nach außen abgeleitet wurde. Die Prozedur gelang und der Gallestau verschwand.

Diagnostik im Essener Universitätsklinikum
Im Essener Universitätsklinikum während der Diagnostik.

Mein Vater war trotzdem sehr schwach. Ich besuchte ihn jeden Morgen vor meinem Dienst; die Innere Medizin lag direkt gegenüber unserer Kinderklinik. Einmal beobachtete ich ihn, während ich ihn rasierte. Er hatte kaum noch die Kraft dazu und sah so mitgenommen aus, dass ich hätte losheulen können. Das tat ich natürlich nicht. Mir war als Arzt klar, was die Diagnose bedeutete. Meinem Vater war dagegen zunächst nicht vollständig bewusst, dass die Drainage nur den Gallestau beseitigte und nicht den Krebs. Er setzte Hoffnung in diese neue Errungenschaft. Erst später begriff er, dass sein Leben zu Ende gehen würde.

Ich erinnere mich an die Fahrt nach der Entlassung vom Krankenhaus zu unserem Haus in Essen-Borbeck. Ich spielte von einer CD Orgelmusik, die er immer sehr geliebt hatte. Diesmal wollte er sie nicht hören. Sie machte ihn traurig. Er sagte, ich sollte lieber etwas Fröhliches anmachen.

Nach einigen Tagen stand die Rückfahrt nach Morbach an. Meine Schwester Marlene holte ihn ab. Wir hatten Mühe, ihn ins Auto zu bugsieren. Meine Mutter war wie immer dabei. Schließlich fuhren sie los, und ich sah dem Wagen nach. Ich wusste, dass dies sein letzter Abschied von Essen war. Er würde nie mehr zurückkommen.

In den nächsten Wochen baute mein Vater rasant ab. Wir fuhren so oft wie möglich nach Morbach, wo er im Schlafzimmer meiner Eltern lag, im gleichen Bett, in dem viele Jahre zuvor sein eigener Vater gestorben war. Er hatte einen guten Hausarzt, der ihn mit allem Notwendigen versorgte, auch mit starken Schmerzmitteln. Die Gallendrainage musste regelmäßig gespült werden. Wenn ich da war, machte ich das. Ich erinnere mich an die Schmerzen, die er dabei hatte. Es war schwer auszuhalten, gerade weil ich selbst derjenige war, der ihm diese Schmerzen zufügen musste.

Mein Vater hatte aber noch ein Ziel: seinen 90. Geburtstag am Freitag, dem 8. März 2002. Alle sollten kommen. Meine Schwester Ulli war inzwischen wieder in den USA und setzte sich kurzerhand erneut ins Flugzeug. So waren wir am 8. März noch einmal als Großfamilie zusammen. Mein Vater konnte inzwischen nicht mehr gehen, aber er saß in seinem Sessel und bekam alles mit. Seine Forst- und Jagdkollegen kamen und bliesen ihm auf ihren Jagdhörnern ein Ständchen. Dann kam die Verwandtschaft, darunter seine Brüder Klaus und Rudi. Als Rudi ins Zimmer kam, strahlte mein Vater. Er war überglücklich und freute sich wie ein kleines Kind. Rudi musste bitterlich weinen. Der Anblick seines bis auf die Knochen abgemagerten Bruders überwältigte ihn.

Nach dem Geburtstag ging es noch schneller bergab. Am Wochenende konnte mein Vater nicht mehr richtig schlucken, und ich musste ihm den Speichel absaugen. Dabei saugte sich einmal die Spitze des Kunststoffkatheters an seiner Wange fest und verursachte ihm einen furchtbaren Schmerz. Es war im Grunde nur ein kleiner Zwischenfall in diesen Tagen, aber ich habe ihn nie vergessen und es tut mir heute noch leid. Inzwischen bekam mein Vater auf meine Bitte hin Morphium über eine Dauerinfusion. Die Schmerzen kamen nicht nur vom Tumor. Sein Kreislauf begann zunehmend zu versagen, die Durchblutung der Extremitäten wurde schlechter, und auch das kann beim Sterben starke Schmerzen verursachen. Es ging jetzt nur noch darum, ihm diese Zeit so erträglich wie möglich zu machen.

Die letzten handschriftlichen Notizen meines Vaters
Die letzten handschriftlichen Notizen meines Vaters. Von oben nach unten lauten die Eintragungen: „Bleibt bei Mutti. Alle Kinder.“ – „Geht ins Wohnzimmer. Alle zusammen feiern.“ – „Ein kleiner Whiskey.“

Am Sonntag konnte mein Vater nicht mehr sprechen. Gegen Mittag hatte er aber offensichtlich ein wichtiges Anliegen. Wir gaben ihm Papier und einen Stift und sagten ihm, er solle aufschreiben, was er uns sagen wollte. Seine Hand zitterte stark, und wir hatten Mühe, seine Schrift zu entziffern. Um 12.05 Uhr schrieb er: „Bleibt bei Mutti. Alle Kinder.“ Zehn Minuten später schrieb er: „Geht ins Wohnzimmer. Alle zusammen feiern.“ Das taten wir. Wir setzten ihn in seinen Sessel und verbrachten die Zeit gemeinsam. Um 13.25 Uhr wollte er uns noch einmal etwas mitteilen und schrieb mit großer Mühe: „Ein kleiner Whiskey.“ Er wollte ein letztes Mal mit uns anstoßen. Meine Mutter war dagegen, aber diesmal setzte sie sich nicht durch. Wir tranken mit ihm einen Whiskey. Das passte zu meinem Vater. Wenn das Leben nach neunzig Jahren zu Ende ging, konnte man auch darauf anstoßen.

Am Sonntagabend mussten Hilde und ich entscheiden, ob wir in Morbach bleiben oder nach Essen zurückfahren sollten. Ich musste am nächsten Morgen arbeiten, und niemand konnte sagen, ob der Sterbeprozess noch Tage oder vielleicht Wochen dauern würde. Meine Geschwister waren alle vor Ort. Wir vereinbarten, dass sie mich sofort anrufen sollten, wenn es dem Ende zuging, und fuhren nach Essen zurück.

Am Montagmorgen kam der Anruf. Wir sollten uns ins Auto setzen und so schnell wie möglich kommen. Für die Strecke von Essen nach Morbach brauchten wir ungefähr zwei Stunden. Als wir ankamen, lebte mein Vater noch, sein Bewusstsein war aber bereits getrübt. Meine älteren Schwestern saßen ihm gegenüber auf dem Doppelbett. Meine Mutter saß neben ihm und hielt seine Hand. Sie war gefasst und ruhte in sich. Irgendwann zog mein Vater seine Hand aus ihrer. Er hob sie und machte ein Kreuzzeichen. Er wollte all seinen Kindern den letzten Segen geben. Reihum knieten wir neben seinem Bett und empfingen seinen letzten Gruß. Anschließend zog er sich innerlich zurück. Den letzten Teil seines Weges wollte er allein gehen.

Alle blieben im Raum: meine Mutter, alle sechs Kinder und viele Enkelkinder. Eigentlich war es genau die Gesellschaft, die mein Vater sein ganzes Leben lang am liebsten um sich gehabt hatte. Es herrschte andächtige Stille. Ich erinnere mich an das Bild, als läge dort ein alter Hirte mit seiner Herde um sich herum. Und ich hörte in meinem Inneren eines seiner Lieblingsmusikstücke: "Er weidet seine Herde" aus dem Weihnachtsoratorium von Händel.

Brief von Jan an seinen Großvater vom 10. März 2002
Jans Brief an seinen Großvater. Er las ihn ihm etwa eine Stunde vor seinem Tod vor.

Jan hatte einen Brief für seinen Großvater geschrieben. Er setzte sich zu ihm und las ihn vor. Mein Vater war noch etwas bei Bewusstsein, und ich hatte den Eindruck, dass er verstand, was Jan ihm sagte. Etwa eine Stunde später wurde seine Atmung zunehmend schwer. Er rang er nach Luft. In seiner Infusion war ausreichend Morphium, und ich erhöhte die Tropfrate, sodass ein stetiger Infusionsfluss gewährleistet war. So konnte ich ihm den Todeskampf erleichtern.

Nach etwa einer Viertelstunde bäumte mein Vater sich plötzlich noch einmal auf. Er hob den Oberkörper, breitete die Arme aus und öffnete die Augen. Sein Gesicht veränderte sich. Es sah für mich so aus, als würde er etwas sehen, vielleicht ein helles Licht. Auf seinem Gesicht lag plötzlich ein Ausdruck von überwältigendem Glück. Dann sank er zurück und war tot.

Es war Montagmittag, der 11. März 2002, drei Tage nach seinem 90. Geburtstag. Die Sonne strahlte vom Himmel. Es war ein schöner Tag für einen Abschied.

Die Todesanzeige meines Vaters
Die Todesanzeige.