Was geblieben ist

Anfang und Ende

Mit 73 Jahren liegt der größte Teil meines Lebens hinter mir. Wenn ich darauf zurückblicke, sehe ich keinen geraden Weg. Es gab Zeiten des Gelingens und Zeiten tiefer Enttäuschung. Jahre, in denen ich geglaub hatte, ich sei da angekommen, wohin ich immer gewollt hatte. Und dann kamen Brüche, mit denen ich nicht gerechnet hatte.

Heidelberg war wissenschaftlich eine starke Zeit. Am Deutschen Krebsforschungszentrum habe ich mich mit N-MYC, dem Neuroblastom und der Angiogenese beschäftigt. Später habe ich mein eigenes Labor aufgebaut. Wissenschaftlich hatte ich einiges erreicht. Gleichzeitig blieb das Gefühl, als Kliniker nicht wirklich anerkannt zu sein. Ich konnte über Krebszellen reden, publizieren und Vorträge halten. Am Krankenbett galt ich trotzdem als wenig erfahren.

Marburg sollte ein neuer Anfang werden. Ich wollte Klinik und Forschung miteinander verbinden und eine klinische Forschergruppe aufbauen. Der Antrag scheiterte. Nach drei Jahren wechselte ich nach Essen. Dort erwarb ich das klinische Rüstzeug, das mir bis dahin gefehlt hatte, ohne die Forschung ganz aufzugeben.

Göttingen erschien schließlich wie das Ziel einer langen Reise. Ich wurde Ordinarius und Chefarzt, verfügte über ein großes Labor und konnte eine eigene wissenschaftliche Arbeitsgruppe aufbauen. Vieles von dem, worauf ich jahrelang hingearbeitet hatte, war plötzlich erreicht. Dann kamen die Konflikte. Was zunächst wie der Höhepunkt meiner Laufbahn ausgesehen hatte, endete in einer Weise, die ich lange nicht begreifen konnte und bis heute nicht vergessen habe.

Als ich Göttingen verließ, gab ich nicht nur eine Stelle auf. Ich ließ meinen Lehrstuhl, ein Labor mit etwa zwanzig Mitarbeitern und einen wesentlichen Teil meiner wissenschaftlichen Arbeit zurück. Ich ging nach Berlin-Buch und begann noch einmal ganz von vorn. Diesmal nicht an einer Universität, sondern in einem privaten Klinikkonzern.

In Berlin trat die Forschung in den Hintergrund. Dafür konnte ich gestalten. In den folgenden dreizehn Jahren entstand eine neue Kinderklinik. Hinzu kamen ein Elternhaus, eine Elternoase und ein Kindergarten. Die Klinik wuchs und wurde schließlich zur wirtschaftlich erfolgreichsten Kinderklinik des Konzerns. Vor allem aber entwickelte sie sich zu einem Ort, an dem Kinder und ihre Familien nicht nur medizinisch behandelt wurden, sondern auch bleiben konnten, wenn eine Krankheit ihr bisheriges Leben aus der Bahn geworfen hatte.

Berlin war nicht das, was ich ursprünglich geplant hatte. Nach Göttingen hatte ich den Eindruck, einen wesentlichen Teil meines beruflichen Lebens verloren zu haben. Im Rückblick wurden die Berliner Jahre trotzdem zu einer der erfülltesten Zeiten meiner Laufbahn. Offenbar kann aus einem Scheitern etwas entstehen, das man vorher nicht einmal gesucht hat.

Was mache ich heute mit diesen Erfahrungen? Die Ereignisse liegen zurück. Sie bestimmen meinen Alltag nicht mehr, aber sie sind noch da. Ich habe mich deshalb gefragt, wie andere Menschen mit Zeit, Scheitern und Endlichkeit umgegangen sind. So bin ich auf T. S. Eliot und seine Four Quartets gestoßen.

In East Coker schreibt Eliot: „In meinem Anfang liegt mein Ende.“ Später kehrt er den Satz um: „In meinem Ende liegt mein Anfang.“ Göttingen war ein solches Ende. Damals war es bitter und kaum zu begreifen. Und doch entstand daraus Berlin.

Das ändert nichts an dem, was in Göttingen geschehen ist. Es macht die damaligen Vorgänge nicht gerechter und die Enttäuschung nicht ungeschehen. Aber es verschiebt ihre Bedeutung im Rückblick. Versöhnung heißt für mich deshalb nicht, etwas schönzureden oder zu vergessen. Es heißt, anzuerkennen, was war, ohne dem Geschehen mehr Macht über das eigene Leben zu geben, als ihm zusteht.

Vielleicht ist das die eigentliche Arbeit des Älterwerdens. Nicht alles gegeneinander aufzurechnen, sondern den eigenen Weg noch einmal anzuschauen: mit seinen Brüchen, Umwegen und Neuanfängen. Es war nicht immer so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Manches war ungerecht. Manches ist gescheitert. Aber aus all dem ist etwas geworden, das ich heute mein Leben nennen kann.

Noch bin ich unterwegs. Vielleicht beginne ich deshalb erst jetzt, die Schlusszeilen aus Eliots Little Gidding zu verstehen:

„Wir werden nicht ablassen vom Erkunden.
Und das Ende all unseres Erkundens
wird sein, dort anzukommen, wo wir begannen,
und den Ort zum ersten Mal zu erkennen.“