Angst vor dem Versagen kennen die meisten Menschen. Besonders dann, wenn sie vor anderen auftreten, eine Rede halten oder sich vor einem größeren Publikum produzieren müssen. Mir ging es nicht anders. Allerdings habe ich im Laufe meines Berufslebens gelernt, mit dieser Angst umzugehen. Und irgendwann fand ich, dass Angst auch eine gute Seiten hat.
Meine erste Erinnerung an ein solches Erlebnis reicht in meine Kindheit zurück. Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt und verbrachte einen Urlaub in einem Ferienlager in Österreich. Es wurde ein kleines Theaterstück aufgeführt, bei dem ich mitspielen sollte. Ich hatte mich kaum vorbereitet und stand schließlich auf der Bühne. Als ich ins Publikum schaute, war alles weg. Kein Text, kein Gedanke, nichts. Totaler Blackout. Ich bekam einen roten Kopf und brachte kein Wort mehr heraus. Wie das Ganze ausging, weiß ich nicht mehr. Aber das Gefühl, dort oben zu stehen und nichts mehr auf die Reihe zu bekommen, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.
Viele Jahre später passierte mir etwas ähnliches. Ich war gerade aus den USA zurückgekehrt und hatte meine erste Stelle als Assistenzarzt an der Heidelberger Kinderklinik angetreten. Wissenschaftlich hatte ich einiges vorzuweisen, klinisch aber nichts. Das war mir bewusst, und meinen neuen Kollegen auch. Bei einer klinischen Besprechung sollte ich einen Patienten vorstellen, obwohl ich erst seit etwa zwei Wochen in der Klinik arbeitete. Vor mir standen alle diese erfahrenen Ärzte, die mich skeptisch betrachteten. Blackout Nummer zwei. Ich wusste plötzlich nicht mehr weiter und rettete mich schließlich mit der Frage, wo denn die zuständige Oberärztin sei. Von ihr erhoffte ich mir Unterstützung. Kein glänzender Einstand, sondern ein mittleres Desaster.
Solche Erfahrungen bleiben hängen. Ich legte mir deshalb Strategien zu, um derartige Situationen künftig zu vermeiden. Die wichtigste Erkenntnis war ziemlich einfach: Gute Vorbereitung ist das beste Mittel gegen die Angst vor dem Versagen.
Eine ausgezeichnete Schule dafür war das Pharmakologische Institut in Gießen, wo ich meine ersten wissenschaftlichen Berufsjahre verbrachte. Dort herrschte unter meinem damaligen Chef Hans-Jörg Techemacher eine klare Regel: Vorträge wurden frei gehalten. Vom Blatt abzulesen war streng verboten. Das galt auch für die kurzen wissenschaftlichen Vorträge von sieben bis zehn Minuten, wie sie auf den Tagungen der Fachgesellschaft üblich waren.
Allerdings gab es einen kleinen Trick. Man hatte das vollständige Manuskript in der Tasche. Nicht, um daraus vorzulesen, sondern als Rückversicherung für den Fall, dass das Hirn plötzlich aussetzte. Allein das Wissen, notfalls auf das Papier zurückgreifen zu können, war total beruhigend. Tatsächlich habe ich es niemals gebraucht.
An meinen ersten wissenschaftlichen Vortrag erinnere ich mich noch gut. Es war eine Endokrinologentagung in Salzburg, zu der ich mit meinem Chef gefahren war. Schon drei Wochen vorher bekam ich Schiss, wenn ich an diesen Auftritt dachte. Für mich war das eine Art Höchststrafe, der ich nicht entkommen konnte. Ich hatte deshalb die ersten drei Sätze meines Vortrags auswendig gelernt. Auch das wurde später zu einer festen Regel: Die ersten Sätze müssen sitzen. Hat man erst einmal angefangen und seinen Redefluss gefunden, läuft der Rest meistens von allein.
Der Vortragssaal in Salzburg war ziemlich dunkel. Das Publikum konnte also meine Aufregung nicht sehen, jedenfalls bildete ich mir das ein. Der Vortrag ging ohne Zwischenfälle über die Bühne, und ich war erleichtert. So schlimm war es also gar nicht gewesen. Hinterher jedenfalls.
In den folgenden Jahren entwickelte ich meine Vorbereitung weiter. Jeden Vortrag hielt ich vorher mindestens einmal vollständig, und zwar laut. Man muss seine eigene Stimme hören, den Ablauf verinnerlichen und feststellen, an welchen Stellen man ins Stocken gerät. Häufig musste Hilde als Publikum herhalten. Sie war eine durchaus kritische Zuhörerin, und ihre Einwände führten nicht selten dazu, dass ich meinen Vortrag noch einmal überarbeitete. Und eine weitere Hilfe: ich pickte mir im Publikum immer eine Person heraus, die ich anschaute und zu der ich sprach. So konnte ich die Menschenmasse einfach etwas ausblenden. Ich war mit dieser Person also praktisch alleine. Außerdem lernte ich, mich in die Rolle der Zuhörer zu versetzen. Was interessiert sie? Was verstehen sie? Wo wird es langweilig? Schließlich sollte der Vortrag nicht nur mir gefallen.
Eine weitere Strategie hatte ich mir ebenfalls angewöhnt. Ich verglich sie mit einem Dackel, der sein Revier abpinkelt und damit als seines markiert. So ähnlich machte ich es ebenfalls. Bevor ich einen wichtigen Vortrag hielt, ging ich auf die Bühne und sah mir alles genau an. Wo stand das Rednerpult? Wie funktionierte der Pointer? Wo war das Licht? Wo konnte ich mich am besten hinstellen? Wenn ich später vor das Publikum trat, war mir die Umgebung bereits vertraut. Ich war quasi zuhause.
Diese Art der Vorbereitung übertrug ich auch auf andere öffentliche Auftritte. Ich versuchte, mögliche Situationen und Reaktionen vorauszudenken und mich darauf einzustellen. Mit der Zeit entwickelte ich dadurch eine gewisse Routine. Vorträge, die mir früher schlaflose Nächte bereitet hätten, gingen mir später ziemlich locker von der Hand. Das bedeutete allerdings nicht, dass ich mich weniger darauf vorbereitete. Im Gegenteil. Ich hatte inzwischen gelernt, dass sich der Aufwand lohnt.
Interessanterweise veränderte sich dabei auch mein Verhältnis zur Angst. Was ich früher als Hindernis empfunden hatte, begann ich zunehmend als hilfreich anzusehen. Lampenfieber ist schließlich nichts anderes als eine Form innerer Anspannung, die uns auf eine besondere Situation vorbereitet. Schauspieler und andere Bühnendarsteller kennen das gut. Das weiß ich, weil ich später mit Einigen darüber sprach. Unter anderem mit Gaby Dohm, die mir bei der Generalprobe zur Live-Sendung „Ein Herz für Kinder“ gestand, dass sie immer furchtbar aufgeregt sei. Aufregung - auch bekannt unter dem Namen Lampenfieber - schärft die Aufmerksamkeit, erhöht die Konzentration und sorgt dafür, dass man seine Aufgabe ernst nimmt.
Irgendwann stellte ich sogar fest, dass mir etwas fehlte, wenn ich vor einem wichtigen Auftritt überhaupt nicht mehr aufgeregt war. Ich fragte mich dann gelegentlich, ob ich die Sache vielleicht zu leicht nahm. War ich wirklich gut vorbereitet, oder war es mir inzwischen einfach egal?
So wurde aus der Angst vor dem Versagen im Laufe der Jahre etwas anderes. Sie verschwand nicht vollständig, aber sie verlor ihren Schrecken. Ich hatte gelernt, mit ihr umzugehen und sie sogar für mich zu nutzen.
Heute glaube ich, dass Angst vor einem wichtigen Auftritt oder vielleicht sogar vor einer Herausforderung im täglichen Leben durchaus etwas Sinnvolles ist. Sie erinnert einen daran, dass man sich auf eine Situation einlässt, die nicht vollständig vorhersehbar ist. Wer kein Naturtalent wie Thomas Gottschalk ist, sollte diese Warnung ernst zu nehmen und sich entsprechend vorzubereiten.
Und vielleicht ist es auch gar nicht erstrebenswert, völlig angstfrei auf eine Bühne zu gehen. Ein wenig Lampenfieber gehört dazu. Mir jedenfalls war es irgendwann lieber, vor einem Vortrag etwas aufgeregt zu sein, als festzustellen, dass er mir eigentlich ziemlich gleichgültig war.