„Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.“ Thomas Alva Edison (11. Februar 1847 – 18. Oktober 1931)
Scheitern ist unangenehm. Man hat zunächst wenig Interesse daran, sich erklären zu lassen, dass darin vielleicht auch eine Chance liege. Solche Erkenntnisse kommen - wenn überhaupt - erst später. Auch ich bin in meinem Leben gescheitert. Nicht ständig und nicht überall. Aber doch an einigen für mich wichtigen Stellen. Merkwürdigerweise sind gerade daraus die besten Entwicklungen entstanden.
Meine erste harmlose Bekanntschaft mit dem Scheitern machte ich schon in der Schule. Manni, Pipa und ich gehörten nicht zu den Schülern, bei denen der Direx morgens dachte: Schön, dass sie wieder da sind. Wir waren häufiger bei ihm. Unsere Vorstellungen von angemessenem Schülerverhalten stimmten mit seinen nicht überein. Wirklich geschadet hat uns das nicht. Wenn ich später wieder einmal vor irgendeiner Autorität saß, die mit meinem Verhalten nicht zufrieden war, kam mir die Situation ziemlich bekannt vor.
Ernster wurde es in Marburg. Dort hatte ich große Hoffnungen auf eine Klinische Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft gesetzt. Ich sollte sie leiten. Damit verbunden war auch eine Professur. Die Forschergruppe wurde abgelehnt und damit war ein wesentlicher Teil meiner beruflichen Planung erledigt. Ich sah für mich in Marburg keine vernünftige Zukunft mehr und begann, mich anderswo umzusehen.
So kam ich nach Essen. Heute lässt sich das geradlinig erzählen. Die Forschergruppe wurde abgelehnt, ich ging nach Essen, hatte dort fünf gute und wissenschaftlich fruchtbare Jahre und wurde anschließend nach Göttingen berufen. Nur erlebt man sein Leben leider nicht rückwärts. Als die Forschergruppe scheiterte, wusste ich nichts von Essen und Göttingen.
In Göttingen wiederholte sich das Ganze einige Jahre später. Diesmal allerdings in größerem Maßstab. Ich war Ordinarius für Kinderheilkunde und Direktor der Pädiatrie I. Eigentlich war ich dort angekommen, wohin eine klassische Universitätskarriere führen sollte. Nur stellte sich heraus, dass Ankommen und Bleiben zwei verschiedene Dinge sind. Es gab Konflikte und unterschiedliche Interessen. Irgendwann sah ich dort für mich keine Zukunft mehr. Daran hatte ich meinen Anteil, wenn auch aus meiner Sicht nicht den größten. Bei autobiographischen Betrachtungen ist allerdings Vorsicht angebracht. Die anderen Beteiligten würden wohl ihre eigene Version erzählen.
Also bewarb ich mich wieder und landete in Berlin. Dort leitete ich dreizehn Jahre lang eine große Kinderklinik. Ich konnte vieles verwirklichen, was in Göttingen kaum möglich gewesen wäre. Wir bauten eine neue Kinderklinik. Es entstanden ein Elternhaus und später eine Elternoase der McDonald's Kinderhilfe. Dazu kam ein Kindergarten. Auch medizinisch und wirtschaftlich entwickelte sich die Klinik hervorragend. Das ist rückblickend schon merkwürdig. Was sich in Göttingen wie das Ende meiner Karriere angefühlt hatte, wurde zum Ausgangspunkt für einen ihrer erfolgreichsten Abschnitte. Daraus folgt natürlich nicht, dass Göttingen deshalb eine gute Erfahrung gewesen wäre. So weit möchte ich die nachträgliche Versöhnung mit meinem Lebenslauf nun auch wieder nicht treiben.
Ähnliche Entwicklungen habe ich bei anderen erlebt. Mein Freund Manni blieb in der Schule zweimal sitzen. Damals deutete kaum etwas darauf hin, dass ausgerechnet er später ein äußerst erfolgreicher und geradezu penibler Zahnarzt werden würde. Irgendwann hatte er offenbar beschlossen, dass es so nicht weiterging. Und es ging anders weiter.
Ein Beispiel in ganz anderen Dimensionen war Werner Otto, den ich später persönlich kennenlernte. Er wollte ursprünglich Schriftsteller werden. Seine Lebensumstände zwangen ihn jedoch früh, andere Wege zu gehen. Nach dem Krieg gründete er eine Schuhfabrik und ging damit pleite. Interessant finde ich weniger die Pleite als seine Reaktion darauf. Er analysierte, was falsch gelaufen war. Eine seiner Erkenntnisse war, dass die Qualität seiner Produkte nicht gut genug gewesen war. Beim nächsten Unternehmen wollte er diesen Fehler nicht wiederholen. Später entstand daraus der Otto-Versand. An Werner Otto fiel mir noch etwas anderes auf. Er hörte anderen zu. Auch als längst erfolgreicher Unternehmer fragte er Mitarbeiter nach ihrer Meinung. Vielleicht hatte auch das etwas mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu tun.
Überhaupt habe ich im Laufe meines Lebens den Eindruck gewonnen, dass die interessanteren Menschen nicht unbedingt diejenigen waren, deren Leben ohne Brüche verlief. Menschen, die schon einmal auf die Nase gefallen waren, wussten, wie sich der Boden anfühlt. Aber warum steht der eine nach einem Scheitern wieder auf und der andere nicht?
Vielleicht beginnt es damit, wie man das Scheitern betrachtet. Es macht einen Unterschied, ob ich denke: Ich bin gescheitert. Oder ob ich feststelle: Etwas, das ich versucht habe, ist gescheitert. Das Erste wird leicht zu einem Urteil über die eigene Person. Beim Zweiten kann ich fragen, warum es nicht funktioniert hat. Und dann kann ich überlegen, ob ich etwas daraus lernen kann.
Mit solchen Fragen haben sich Philosophen schon lange beschäftigt. Die Stoiker unterschieden zwischen dem, was wir beeinflussen können, und dem, was sich unserer Kontrolle entzieht. Epiktet hat daraus einen ziemlich nüchternen Grundsatz gemacht. Wir bestimmen nicht alles, was uns widerfährt. Aber wir haben Einfluss darauf, wie wir darauf reagieren. Auch Nietzsche sah in Widerständen eine Möglichkeit zur Entwicklung. Sein berühmter Satz, dass uns stärker mache, was uns nicht umbringt, ist mir allerdings zu einfach. Manches bringt einen nicht um und richtet trotzdem erheblichen Schaden an. Ein Scheitern macht also keineswegs automatisch stärker.
Warum der eine daran wächst und der andere daran zerbricht, hat wohl viele Gründe. Einer davon liegt für mich in der Kindheit. Ich glaube, dass ein stabiles Elternhaus einem Menschen etwas mitgeben kann, das erst viel später sichtbar wird. Ein Kind kann Fehler machen und trotzdem erfahren, dass es angenommen bleibt. Daraus kann eine innere Sicherheit entstehen. Natürlich ist auch das keine einfache Gleichung. Menschen können aus schwierigsten Verhältnissen kommen und eine enorme Widerstandskraft entwickeln. Andere wachsen behütet auf und verzweifeln später an einer Krise. Aber ein stabiles Fundament dürfte helfen.
Und vielleicht kommt noch etwas hinzu. Wer schon einmal gescheitert ist und sich wieder berappelt hat, besitzt beim nächsten Mal eine Erfahrung, die jemandem mit einer bis dahin makellosen Karriere fehlt. Man kennt die Situation. Man weiß, dass etwas ziemlich endgültig aussehen kann und es dann doch nicht ist. Das könnte auch erklären, warum mir im Alter die vollkommen geradlinigen Lebensläufe weniger interessant erscheinen. Ein Leben ohne Brüche mag angenehm sein. Ob man dabei viel über sich selbst erfährt, weiß ich nicht.
Ich möchte das Scheitern trotzdem nicht verklären. Auf Marburg und vor allem auf manches in Göttingen hätte ich gut verzichten können. Aber ohne das Scheitern der Forschergruppe in Marburg wäre ich vermutlich nicht nach Essen gegangen. Und ohne Göttingen wäre ich nicht nach Berlin gekommen.
Damals konnte ich das nicht wissen. Heute weiß ich es. Das ist vielleicht einer der wenigen Vorteile, die man hat, wenn man über siebzig ist und auf die Sache zurückblickt.
Scheitern ist ähnlich wie wenn man im Tal ist und zu den Berggipfeln schaut, wo man vielleicht lieber wäre. Man hofft auf bessere Zeiten. Scheitern und Glück gehören zusammen. Nach dem Scheitern hat das Glück einen anderen Stellenwert. Dies waren meine Gedanken, als ich den Song „Berge und Täler“ schrieb.