Rolf

Galvaniseur, Kettenraucher, Partytier, Mensch.

Heuchelheim, Ende der 1970er Jahre

Die folgende Geschichte handelt nur von Rolf. Weshalb? Weil er einer der aussergewöhnlichsten Menschen war, denen ich je begegnet bin.

Die Geschichte beginnt mit unsere Wohnungssuche, nachdem wir in Krofdorf-Gleiberg wegen Eigenbedarfs rausmussten. Wir fanden schließlich eine Wohnung in Heuchelheim, etwa 5 km entfernt von Giessen. Dort hatte Rolf in der Rodheimer Straße 88 ein Haus mit einer anschließenden Fabrikhalle gemietet. Das Haus lag etwas außerhalb im Industriegebiet. Im Erdgeschoss waren Büro und ein Partyraum untergebracht, darüber wohnte er und im Dachgeschoß wir.

Rolf war Ende dreißig, schlank, Typ Richard Gere, Kettenraucher und gleich beim „du“. Als do-it yourself-Unternehmer hatte er im Alleingang einen Galvanik-Betrieb aufgebaut. Er veredelte Metallteile in Elektrolyt-Bädern, die unter Starkstrom standen. Entsprechend stechend war der Gestank in seiner Fabrikhalle. Er arbeitete wie ein Berserker bis tief in die Nacht und fuhr anschließend noch die veredelten Stücke zu seinen Kunden. Rolf war ein Arbeitstier.

Tagsüber fand man ihn in der Fabrikhalle - rauchend. Er brauchte kein Feuerzeug zum anzünden. Er hatte einen ganz einfachen Trick. Er hielt die Zigarette an die Starkstromleitung, es machte kurz „Zzssst“ und die Zigarette brannte. Sein Finger auch. Aber er bemerkte es kaum - war ihm egal.

Sein bester Freund war Klaus-Dieter. Er nannte ihn „Klaus-Diidää“. Ihr gemeinsames Hobby war das Funken. Mit riesigen Antennen fuhren sie auf einsame Hügel in der Umgebung und funkten von dort - auf verbotenen Frequenzen und mit maximaler Reichweite. Der Richtfunk der Bundespost hatte sie im Visier. Aber sie entkamen immer wieder rechtzeitig. Denn Rolf hatte einen BMW mit richtig viel PS. Undeinen Bleifuß.

Rolf nahm Probleme anders wahr als die meisten Mitmenschen. Eines Wochenendes hörten wir plötzlich dumpfe Schläge aus dem Erdgeschoss. Es rumpelte, krachte und schepperte. Dann war Ruhe. Luigi und ich gingen nach unten. Rolf stand vor der Bürotür. Er hatte sie zertrümmert - sie war völlig im Eimer. Mit deutlicher Alkoholfahne meinte er, er hätte den Schlüssel zur Tür nicht finden können.... Sein Problem war gelöst. Er war zufrieden.

Rolf feierte noch härter als er arbeitete. Am Wochenende ging’s immer hoch her. Alkohol floss in Strömen und die Musik lief auf voller Lautstärke. Sein Lieblinsgmusiker war Johnny Guitar Watson. Ich höre noch heute den Song „A real Mother for ya“. Er lief fast in Dauerschleife. Dazu tanzte er gerne für sich alleine - ziemlich attraktiv, wenn man zusah: Richard Gere in "American Gigolo". Dann gab es zu fortgeschrittener Stunde Geräusche - so, als wenn eine Lore im Bergwerk bewegt wird und plötzlich gegen eine Wand kracht. Am nächsten Morgen erklärte er ganz stolz er habe Rollschuhfahren geübt - in der Wohnung. Er sei etwas besoffen gewesen und noch nicht so sicher auf den Beinen.

Ein anderes Mal klingelte er morgens an unserer Wohnungstür. Er hatte eine gewaltige Fahne und fragte: „Luitschi, kannsde misch kurz in die Stadt fahre?“ Er hatte sein Auto dort stehen lassen und wollte es abholen. Unterwegs steckte er sich eine Zigarette an. Allerdings am Filterende. Er bemerkte den Fehler erst, als es bereits verkokelt roch. Er betrachtete die Zigarette kurz und meintee: „Luitschi, isch habb in de Nacht zu viel rumgeknutscht. Habb gar kai Gefühl me in de Lippe.“ Dann warf er die Zigarette aus dem Fenster und zündete sich eine neue an. Diesmal richtig herum.

Ein anderes mal hatte ihn die Polizei bei einer Kontrolle mit Alkoholfahne erwischt. Sie brachten ihn in die Notaufnahme der Uniklinik zum Alkoholtest. Rolf hatte aber keine Lust dazu und außerdem brauchte er seinen Führerschein. Er meinte, er müsse mal kurz auf Toilette. Dort sprang er aus dem Fenster und entwischte.

Rolf hatte öfter lautstarken Streit mit den jeweiligen Freundinnen. So mit Jutta. Und es ging meist darum, dass er zu viel mit Klaus-Diidää unterweg sei. Die Diskussion ging ungefähr so: „Du hass gesaachd, dä Klaus-Diidää …" Der Rest war unverständlich. Die Antwort auch. Dann erneut: „Du hass gesaachd, dä Klaus-Diidää …“ und so weiter. Laute Musik dazu. Und auf einmal wurde es für eine Weile still und man hörte sehr laut, dass die beiden sich wieder vertrugen.

Wir waren öfters im Partyraum. Manchmal unter uns, manchmal mit Rolf. Spät in der Nacht und ziemlich dicht zelebrierte er gerne sein Ritual des „Abräumens“. Das ging ungefähr so: Irgendwann zeigte er auf die Theke und sagte: „Räum die Thek ab.“ Beim ersten Mal dachte ich, er wolle aufräumen. „Wie meinst du das?“ „Du solls die Thek abräume.“ Ich schaute auf die Theke. Sie war vollgestellt mit Gläsern, Flaschen, Aschenbechern und allem, was sich im Laufe eines langen Abends so ansammelt. „Nee“, sagte ich. „Mach ich nicht.“ „Da mach isch's ebe selbä.“ Rolf stand auf, ging zur Theke und fegte mit einer einzigen Armbewegung alles herunter. Gläser. Flaschen. Aschenbecher. Alles. Es krachte gewaltig. Der Boden war mit Scherben bedeckt. Ich dachte: Fast wie im Harlem. Ich konnte eine gewisse Sympathie nicht unterdrücken. Die Theke war leer. Rolf betrachtete sein Werk zufrieden. Genau das hatte er gemeint. Wir lernten schnell. Wenn Rolf später sagte: „Räum die Thek ab“, wusste jeder, was passieren würde. Und man brachte sich in Sicherheit.

Es gäbe noch einiges mehr über Rolf zu berichten. Er war speziell. Einer, der zwei Leben in einem führte. Immer hart am Limit. Großzügig, hilfsbereit. Einfach ein toller Mensch.

Kürzlich erfuhr ich von seiner Tochter, dass er 1990 bei einem Unfall ums Leben kam. Ich war traurig und dachte:

Typisch Rolf.