1980
Zunächst etwas Grundsätzliches: In nahezu allen Forschungslabors duzen sich die Mitarbeiter. Auch die Leiter. Für mich war das völlig neu. Prof. Hansjörg Teschemacher war deshalb vom ersten Tag an einfach Hansjörg. Das war ein starker Gegensatz zum hierarchischen Klinikbetrieb, wo sich fast alle siezten. Mir gefiel das. Mit dem Professor per Du – wow!
Hansjörg war ein ungewöhnlicher Mensch. Er kam aus dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und hatte mehrere Jahre in Stanford verbracht. Er brachte etwas mit, das mich damals beeindruckte: amerikanischen Aufbruchsgeist, wenig Hierarchie und eine erstaunlich lockere Art des Arbeitens. Meine völlige Ahnungslosigkeit, was mich erwartete, wich langsam einem angenehmen Gefühl.
Hansjörg gab mir eine grobe Richtung vor. Damals wusste man bereits, dass β-Endorphin in der Hirnanhangdrüse gebildet wird und seine schmerzhemmende Wirkung im zentralen Nervensystem entfaltet. Die eigentliche Frage lautete: Warum wird β-Endorphin überhaupt ins Blut ausgeschüttet, wenn dort offenbar keine passenden Rezeptoren existieren? Bekannt war bereits, dass β-Endorphin bei körperlichem oder seelischem Stress freigesetzt wird. Die Überlegung war daher: Vielleicht hat das Molekül außerhalb des Gehirns noch eine weitere Aufgabe. Vielleicht im Immunsystem.
Mein Auftrag war einfach formuliert: Finde heraus, ob irgendwo im Immunsystem eine Anlaufstelle für β-Endorphin existiert. Bevor ich überhaupt experimentieren konnte, musste ich mich erst einmal einarbeiten. In den ersten Wochen kopierte ich alles, was sich über Endorphine und ihre mögliche Beziehung zum Immunsystem finden ließ. Am Ende lag ein Berg von mehr als fünfhundert Seiten Literatur vor mir. Alles auf Englisch. Alles in der mir völlig fremden Sprache der Wissenschaft.
Ich schleppte den Stapel nach Hause und zeigte ihn meiner damaligen Freundin Hilde. „Das muss ich alles lesen.“ Es wirkte wie ein unüberwindbarer Berg. Aber langsam arbeitete ich mich hinein.
Eines Tages erzählte Hansjörg von einem jungen Arbeitsgruppenleiter im Institut für Mikrobiologie, ein paar Stockwerke tiefer. Er erforsche äußerst erfolgreich das sogenannte Komplementsystem, einen wichtigen Bestandteil des Immunsystems. Der Name des Wissenschaftlers: Sucharit Bhakdi.
Sucharit war Sohn des thailändischen Botschafters in den USA, hochintelligent, schnell im Denken, unkonventionell und wenig beeindruckt von Autoritäten. In dieser Hinsicht waren wir uns ähnlich. Hansjörg meinte, ich solle mich doch einmal mit ihm unterhalten. Das taten wir. Und wir verstanden uns auf Anhieb.
Schließlich vereinbarten wir, dass ich Proben seines Komplementsystems erhalten und auf eine mögliche Wechselwirkung mit β-Endorphin untersuchen würde. Damit hatte ich mein erstes eigenes Forschungsprojekt.