Wie ich überhaupt zur Forschung kam

Eigentlich wollte ich Arzt werden. Forscher wurde ich eher zufällig.

Die Gebäude der Chirurgischen Universtätsklinik Giessen, in dem sich die Klinik für Anästhesiologie befand.

1980

Eigentlich wollte ich Arzt werden. Forscher zu werden stand nicht auf meinem Plan.

Das letzte Jahr des Medizinstudiums ist das Praktische Jahr, kurz PJ. Es besteht aus drei Abschnitten. Innere Medizin und Chirurgie sind Pflichtfächer, den dritten Teil darf man selbst wählen. Ich entschied mich für die Anästhesiologie.

Meine Zeit in der Inneren Medizin absolvierte ich in der Poliklinik für Innere Medizin in Giessen. Dort war ich einem Oberarzt zugeteilt, der sich um mich bemühte und mir wertvolle Ratschläge gab. Die Arbeit an der Universität gefiel mir. Eines Tages fragte ich ihn, was man tun müsse, um später eine Stelle als Assistent in der Inneren Medizin zu bekommen.

Seine Antwort überraschte mich. Die Chancen seien deutlich besser, wenn man zunächst einige Jahre wissenschaftlich arbeite. Besonders günstig seien Erfahrungen in der Pathologie oder Pharmakologie. Ich nahm den Rat zur Kenntnis und vergaß ihn zunächst wieder. Oder besser gesagt: Ich legte ihn irgendwo in meinem Hinterkopf ab.

Meinen letzten PJ-Abschnitt absolvierte ich anschließend in der Klinik für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Gießen. Direktor der Klinik war Prof. Gunter Hempelmann. Die Anästhesiologie machte mir großen Spaß. Ich konnte mir gut vorstellen, nach dem Staatsexamen dort als Assistent einzusteigen.

Damals waren Endorphine ein großes Forschungsthema. Diese körpereigenen Schmerzhemmer waren für Anästhesisten und Schmerztherapeuten von enormem Interesse. Kurz zuvor war Prof. Hansjörg Teschemacher an das Pharmakologische Institut in Gießen berufen worden. Er kam aus Kalifornien zurück, wo er mehrere Jahre im Labor von Prof. Avram Goldstein an der Stanford University geforscht hatte. Goldstein hatte kurz zuvor mit Dynorphin ein weiteres Endorphin entdeckt.

Zwischen Hempelmann und Teschemacher bestand eine Vereinbarung. Die Anästhesiologie sollte einen Assistenten für Forschungsarbeiten zur Verfügung stellen, der für einige Zeit in Teschemachers Arbeitsgruppe mitarbeiten würde. Doch der vorgesehene Kandidat sprang kurzfristig ab. Hempelmann hatte ein Problem!

Zur gleichen Zeit fragte mich mein Oberarzt in der Anästhesiologie nach meinen Plänen. Ich erzählte ihm von meinem Gedanken, zunächst einige Zeit in der Forschung zu arbeiten und danach in die Anästhesiologie zurückzukehren. Vermutlich sprach er darüber mit Hempelmann. Jedenfalls wurde ich kurze Zeit später zu ihm gebeten.

Für Hempelmann war die Sache einfach. Er brauchte jemanden für Teschemachers Arbeitsgruppe. Der vorgesehene Kandidat war abgesprungen. Und ich war vielleicht verfügbar. So kam es zu einem Gespräch mit Hansjörg Teschemacher. Er hatte eine freie Assistentenstelle und bot sie mir an. Ich sagte zu.

Damit wurde ich Mitglied einer Forschungsgruppe, die sich mit Endorphinen beschäftigte.

Ich war damals 27 Jahre alt.Von Wissenschaft verstand ich nichts. Ich hatte nie davon geträumt, Forscher zu werden. Ich hatte null Vorstellung davon, wie Forschung funktionierte, wie Experimente geplant wurden oder wie wissenschaftliche Arbeiten entstanden. Klein Lothar im Forschungs-Wunderland! Also tat ich das, was ich meistens tat, wenn ich Neuland betrat:

Ich stürzte mich einfach rein.