Die Labormannschaft

Die Menschen hinter den Experimenten.

Diese Seiten stammen aus einem kleinen Büchlein, das mir die Labormannschaft zum Abschied schenkte. Die Einträge zeigen, wie mich meine Kolleginnen und Kollegen damals sahen.

Forschung wird oft als eine Welt von Ideen, Experimenten und Publikationen dargestellt. Wenn ich an meine Zeit im Pharmakologischen Institut in Gießen zurückdenke, denke ich zuerst an die Menschen. Jeder von ihnen war auf seine Weise ein Original.

Hansjörg

Über Hansjörg habe ich bereits einiges erzählt. Er war der Kopf der Endorphin-Arbeitsgruppe.

Nicht jeder am Institut konnte mit ihm etwas anfangen. Sein Kollege Hartmut verkörperte eher den Typ des dynamischen Machers: braungebrannt, weißes Hemd, Goldkettchen, selbstbewusstes Auftreten. Hansjörg war das genaue Gegenteil: bodenständiger Bayer, in Cordhosen unterwegs, bescheiden, freundlich, zurückhaltend. Wissenschaftlich war er damals ganz vorne dabei. Sein Problem war eher das Gegenteil von Oberflächlichkeit. Er verlor sich manchmal in Details und grübelte länger über Probleme nach, als ihm guttat.

Vor wichtigen Ereignissen rutschte er gelegentlich in depressive Phasen ab. Dann litt die ganze Arbeitsgruppe mit. Man mied ihn für einige Tage, weil man befürchtete, selbst depressiv zu werden. Trotzdem war er ein lieber Mensch, der sich manchmal selbst im Weg stand. Aber er hat mir die Liebe zur Wissenschaft beigebracht. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Thomas

Thomas war mein Vorgänger. Er hatte sich zur Bundeswehr verpflichtet und kam anfangs nach Dienstschluss noch regelmäßig im Labor vorbei, um laufende Arbeiten abzuschließen. Man hörte ihn meist schon lange bevor man ihn sah. Im Stechschritt, in Stiefeln und Tarnanzug marschierte er durch den Flur. Etwa fünfzig Meter vor dem Labor begann er bereits laut zu rufen:

„Maaarion!“

Sofort sollte Marion bereitstehen und ihm assistieren. Thomas verfügte über die bemerkenswerte Fähigkeit, wichtiger zu wirken, als er tatsächlich war. Später ließ er sich als Arzt nieder.

Marion

Marion war meine technische Assistentin. Sie war freundlich, zuverlässig und fast immer gut gelaunt. Wir schätzten einander sehr. Wenn ich Marion eine Aufgabe übergab, wusste ich, dass sie sorgfältig und zuverlässig erledigt werden würde. Für einen jungen Wissenschaftler war das ein großes Geschenk.

Frau Emmel

Frau Emmel war ein echtes Original. Sie war bereits etwas älter und gehörte gewissermaßen zum Inventar des Instituts. Während wir alle geduzt wurden, bestand sie darauf, gesiezt zu werden. Die meiste Zeit saß sie an ihrem Schreibtisch, sortierte Literatur, Karteikarten und erledigte organisatorische Aufgaben.

Unvergessen blieb eine Szene, die sich tief in das kollektive Gedächtnis des Instituts eingebrannt hat. Peter Janicki war ein polnischer Gastwissenschaftler. Er arbeitete während einer Zeit bei uns, als der Diktator Wojciech Jaruzelski Polen regierte. Eines Tages sollte Frau Emmel ihn über die institutseigene Lautsprecheranlage zum Chef rufen. Wenig später schallte ihre Stimme durch das gesamte Gebäude:

„Herr Jaruzelski! Herr Jaruzelski! Bitte zum Chef!“

Im ganzen Institut brach schallendes Gelächter aus. Ich glaube, Peter wäre am liebsten im Boden versunken.

Klaus

Klaus, von uns meist Klausi-Mausi genannt, war Mediziner und Doktorand. Er plante schon damals eine spätere Laufbahn in der Psychiatrie. Klaus war meist ruhig und zurückhaltend. Er verfügte jedoch über einen trockenen Humor, den er gut gebrauchen konnte. Wenn Jan und Axel gemeinsam im Labor waren, konnte es mit Witzen und gegenseitigen Frotzeleien durchaus lebhaft werden. Klaus verstand es, sich mit feinem Witz zur Wehr zu setzen. Er wurde später tatsächlich Universitätspsychiater.

Helmut

Helmut war Biologe und Doktorand. Wir nannten ihn meist nur „Killer-Helmut“. Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit Endorphinen bei Hühnern. Dafür benötigte er regelmäßig frisches Gewebe. Und das bedeutete, dass jeweils ein Huhn sterben musste. Helmut erledigte diese Aufgabe mit einer Gelassenheit, die viele von uns irritierte. Er packte das Huhn an den Beinen und schlug es mit Schwung gegen den Rand eines Waschbeckens. Die technischen Assistentinnen konnten dabei meist nicht hinsehen.

Helmut schon. Daher sein Spitzname.

Karina

Karina war der gute Geist des Labors. Sie hatte Abitur und wartete auf ihren Studienplatz in Pharmazie. Die Zwischenzeit überbrückte sie als technische Assistentin bei uns. Sie arbeitete gewissenhaft, zuverlässig und war bei den vielen Laborspäßen meist die Vernünftigste von allen.

Jan

Jan war Schwede und hatte in Deutschland Medizin studiert. Er blieb nicht lange bei uns und kehrte später nach Schweden zurück. Er entsprach ziemlich genau dem Bild, das wir damals von Schweden hatten: freundlich, ruhig und zurückhaltend. Aber wehe, wenn eine Party angesagt war.....

Axel

Axel war ein echtes Original. Mediziner, Wissenschaftler und Laborenthusiast durch und durch. Er liebte Experimente, neue Ideen und das Leben im Labor. Wissenschaft war für ihn keine Arbeit, sondern Leidenschaft. Später besuchte er mich in den USA. In den 5 Wochen, wo er bei uns war, machten wir beide noch mehr Unsinn als in Gießen. Dazu gibt es eine separate Geschichte.

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, erinnere ich mich nicht zuerst an „Nature“, Publikationen oder Promotionen. Ich erinnere mich an Hansjörg, Marion, Frau Emmel, Klaus, Helmut, Karina, Jan, Axel und all die anderen.

Sie waren eine tolle Gemeinschaft, ein echtes Team.