Von Neuseeland aus ging es mit UTA weiter nach Neukaledonien. Ich weiß heute gar nicht mehr, ob dort von Anfang an ein längerer Aufenthalt geplant war oder ob wir eigentlich nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen wollten. Jedenfalls landeten wir auf dem Flughafen von Nouméa und zunächst passierte – nichts.
Neukaledonien war damals für viele Weltreisende eine Art Nadelöhr. Wer mit der UTA den Pazifik überquerte, kam fast zwangsläufig hier vorbei. Entsprechend bunt war die Mischung der Reisenden. Fast alle waren in unserem Alter, fast alle mit Rucksack unterwegs und auf einer mehrmonatigen Reise rund um die Welt. Man erzählte sich gegenseitig, woher man kam, welche Länder bereits hinter einem lagen und welche noch bevorstanden. Es war eine Zeit ohne Internet, ohne Smartphones und ohne Übersetzungsprogramme. Man verständigte sich mit Händen, Füßen und einem halbwegs brauchbaren Englisch – und das funktionierte meistens.
Wir saßen zunächst mit etwa zwanzig Reisenden im Flughafengebäude fest. Niemand wusste so recht, wie es weitergehen sollte. Unter den Wartenden befand sich auch Jim, ein älterer ehemaliger amerikanischer Armeeoffizier jüdischer Herkunft, der uns später noch beschäftigen sollte.
Besonders schnell freundeten wir uns mit Tom und Marcy aus Portland in Oregon an. Die beiden hatten sich ein ganzes Jahr Auszeit genommen und waren bereits quer durch China gereist – eine bemerkenswerte Leistung in einer Zeit, in der dort kaum jemand Englisch sprach und elektronische Übersetzungshilfen noch Zukunftsmusik waren. Sie hatten schon die Hälfte ihrer Weltreise hinter sich und waren voller Geschichten. Mit ihnen verbrachten wir schließlich fast die gesamte restliche Zeit in Neukaledonien.
Irgendwann erschien ein kleiner Bus, der uns nach Nouméa bringen sollte. Zwanzig Leute mit ihrem gesamten Gepäck in einem viel zu kleinen Bus – das konnte nicht gutgehen. Natürlich gab es sofort ein paar Ignoranten, die zwei Sitzplätze für sich beanspruchten und keinerlei Anstalten machten zusammenzurücken. Tom, Marcy, Hilde und ich sorgten schließlich dafür, dass sich alle einigermaßen vernünftig verhielten. Schließlich saßen wir alle im selben Boot.
Die Fahrt nach Nouméa war interessant. Die Landschaft wirkte auf mich fast afrikanisch. Auf den Hügeln standen helle, fast weiße Bäume, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ganz anders als die üppigen Wälder Neuseelands.
Wir stiegen zunächst im Château Royal Beach Resort an der Anse Vata Bay ab, einem schön gelegenen Hotel direkt am Meer. Am Nachmittag gingen Hilde und ich an den Plage du Méridien Strand. Das Wasser war kristallklar und ich schwamm ein Stück hinaus. Plötzlich tauchte vor mir ein großes Tier mit einer dreieckigen Rückenflosse auf. Mein erster Gedanke war: Hai! Ich bekam es mit der Angst und machte mich so schnell ich konnte zurück Richtung Strand. Ich sah den Fisch in einem Affenzahn am Ufer entlang schwimmen und da wurde mir klar: Es ist ein Delfin! Er hatte wohl in mir einen Spielkameradden vermutet und ich hatte ihn im Stich gelassen!
Am Abend machten wir einen langen Spaziergang am Strand. Fischer standen bis zur Hüfte im Wasser und warfen ihre Netze aus, während die Sonne langsam im Meer versank. Das Licht war wunderschön und ich machte einige wunderschöne Fotos mit meiner Minolte Spiegelreflex-Kamera, die ich mir extra für die Reise bei einem der Halsabschneider im Tenderloin-District in San Franciscozugelegt hatte.
Später saßen wir mit Tom und Marcy an der Hotelbar. Dort gesellte sich auch Jim, der amerikanische Ex-Offizier zu uns. Er hatte schon etwas Schlagseite von den Drinks, die er sich gegönnt hatte. Kaum hatte er erfahren, dass wir Deutsche waren, begann er über die deutsche Vergangenheit und den Nationalsozialismus zu sprechen. Ich kannte den Tenor bereits aus meinen Diskussionen mit Gera in San Francisco. Die Unterhaltung mit Jim wurde aber schnell unerfreulich. Wir hielten dagegen, dass wohl jede Nation dunkle Kapitel ihrer Geschichte habe – die Vernichtung der Indianer in den USA, die Kolonialpolitik vieler europäischer Staaten oder andere historische Verbrechen. Tom und Marcy unterstützten uns bei der Diskussion. Nach einer Weile merkte Jim, dass er mit uns und seinem steigenden Promillepegel nicht weiterkam und ließ uns in Ruhe.
Am nächsten Tag gingen wir zur französischen Botschaft. Mein ehemaliger Laborchef Denis Gospodarowicz hatte mir erzählt, dass sein Bruder die Botschaft leite und er sich sicher über den Besuch freuen würde. Vielleicht hätte er sogar eine Übernachtungsmöglichkeit. Wir klingelten, warteten eine Weile, aber niemand öffnete. Pech gehabt!
Nachdem unser Aufenthalt im UTA-Hotel beendet war, mussten wir uns eine andere Unterkunft suchen. Wir landeten schließlich in einer kleinen Pension, die überwiegend von älteren Franzosen bewohnt wurde. Sie waren wohl irgendwie von irgendwas übrig geblieben. Wer mit ihnen Englisch sprach, verstieß gegen die ungeschriebenenRegeln. In der Grande Nation wurde selbstverständlich nur Französisch gesprochen! Wir waren unten durch und wurden weitgehend ignoriert.
Das Zimmer war nicht von dieser Welt. Das Bett war völlig durchgelegen, die Metallfedern drückten von unten durch, und auf der Kunststoffmatratze schwitzten wir die halbe Nacht. Schließlich nahmen wir die Matratze einfach vom Bett herunter und legten sie auf den Boden. Dort schlief es sich wenigstens etwas besser. Beim Frühstück änderte sich die Stimmung nicht. Die französischen Gäste begegneten uns weiterhin mit demonstrativer Gleichgültigkeit. Wir hakten diese ignoranten Fatzkes einfach ab. Die konnten uns mal.
Eigentlich hätten wir Neukaledonien gerne intensiver kennengelernt. Das riesige Korallenriff vor Nouméa gehört zu den schönsten der Welt und stand damals schon auf unserer Wunschliste. Doch dafür fehlte uns die Zeit. Außerdem befand sich die Insel mitten in den politischen Unruhen zwischen der französischen Verwaltung und der Unabhängigkeitsbewegung der Kanaken. Die meistenAusflüge waren deshalb gar nicht möglich.
So blieb Neukaledonien für uns weniger wegen seiner Sehenswürdigkeiten in Erinnerung als wegen der Menschen, denen wir dort begegneten. Vor allem Tom und Marcy wurden zu Freunden auf Zeit, denen wir auf dem Rest der Reise noch öfters begegnen würden. Genau das war vielleicht das Schönste an dieser Reise. Man traf Menschen aus aller Welt, verbrachte einige Tage miteinander, tauschte Geschichten aus und ging dann wieder getrennte Wege – wohl wissend, dass man sich wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Bei Tom und Marcy war das anders. Wir besuchten sie nach vielen Jahren in Portland und es war ein wunderbares Wiedersehen.
Als wir schließlich wieder in die UTA-Maschine stiegen und Richtung Australien und Indonesien abhoben, wwartete das nächste Abenteuer bereits auf uns. Aber zuvor hatten wir einen atemberaubenden Blick auf die vielen Korallenriffe vor Neukaledonien, die sich wie ein riesiges Mosaik aus dem türkisfarbenen Wasser erhoben. Ein unvergesslicher Anblick.