Das Schmierentheater

Die Klinische Forschergruppe, ihre Ablehnung und die Folgen.

Die Bewerbung um die Einrichtung einer Klinischen Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft stand von Anfang an unter keinem guten Stern.

Dieses Förderinstrument war geschaffen worden, um Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die klinische Medizin zu übertragen. In Deutschland wurde zwar an einigen Instituten, insbesondere an den Max-Planck-Instituten, internationale Spitzenforschung betrieben, doch der Weg zum Patienten gelang häufig nicht. Kliniker waren mit ihren Aufgaben in der Krankenversorgung so stark ausgelastet, dass für erfolgreiche Forschung kaum Zeit blieb. Das sogenannte Feierabendmodell, bei dem wissenschaftlich nach Dienstschluss gearbeitet wurde, hatte sich als wenig erfolgreich erwiesen und hatte keine Zukunftsperspektive.

Entsprechend begehrt waren Klinische Forschergruppen. Die Fördersummen waren beträchtlich, die Anforderungen allerdings ebenfalls. Mehrere wissenschaftlich ausgewiesene Kliniker sollten gemeinsam mit Grundlagenwissenschaftlern ein übergeordnetes Forschungsthema bearbeiten. Dieses musste wissenschaftlich schlüssig, innovativ und langfristig tragfähig sein. Die einzelnen Teilprojekte sollten sich gegenseitig ergänzen und gemeinsam ein Forschungsprofil schaffen, das der Klinik ein Alleinstellungsmerkmal verschaffte.

Dazu waren erhebliche Vorarbeiten notwendig. Die Projektleiter mussten sich bereits einen wissenschaftlichen Namen gemacht haben, und die Teilprojekte mussten so aufeinander abgestimmt sein, dass sie ein überzeugendes Gesamtkonzept ergaben. Gelang dies, konnte eine solche Forschergruppe einer Universitätsklinik einen enormen wissenschaftlichen Schub verleihen.

Rückblickend lag genau hier das eigentliche Problem unseres Antrags. Hansjörg Seyberths wissenschaftlicher Schwerpunkt lag auf den Prostanoiden. Mit Cord-Michael Becker hatte er zunächst einen exzellenten Leiter der Forschergruppe gefunden. Dessen neurowissenschaftliche Arbeiten hatten allerdings wenig mit Prostanoiden zu tun. Dennoch war das Konzept von der DFG positiv aufgenommen worden und galt als vielversprechend. Nach Beckers Berufung nach Erlangen kam ich mit meinem Arbeitsgebiet, der Angiogenese, ins Spiel. Wissenschaftlich war auch dieses Gebiet hochaktuell, hatte aber ebenso wenig mit Prostanoiden zu tun. Aus heutiger Sicht entstand dadurch ein Konzept, das nicht organisch gewachsen war, sondern künstlich wirkte. Die inhaltliche Klammer fehlte.

Vor der Begutachtung fanden mehrere Gespräche mit der zuständigen Referentin der DFG, Petra Hintze, statt. Schließlich wurde eine Vor-Ort-Begutachtung in Marburg festgelegt.

Der Gutachterkommission gehörten an:

- Walter Dörfler, Virologe aus Köln und Sprecher der Kommission,
- Detlev Drenckhahn, Anatom aus Würzburg und ausgewiesener Angiogenese-Experte,
- Clemens Sorg, experimenteller Dermatologe aus Münster,
- Hans Helge, Pädiater mit Schwerpunkt Endokrinologie aus Berlin,
- Dietrich Niethammer, Pädiatrischer Onkologe aus Tübingen.

Aus meinem Labor nahmen als Teilprojektleiter teil:

- Theo Fotsis, Mediziner und Leiter meines Labors,
- Stephen Breit, Molekularbiologe,
- Jochen Rößler
und ich selbst.

Seyberths Arbeitsgruppe wurde unter anderem von Rolf Nüsing vertreten.

Am Abend vor der eigentlichen Begutachtung wurden im Dachgeschoss der Kinderklinik die Poster vorgestellt. Bereits dort entstand bei mir der Eindruck, dass die Kommission unserem Konzept mit erheblicher Skepsis begegnete. Am nächsten Morgen folgten die Vorträge der einzelnen Projektleiter mit anschließender Diskussion.

Natürlich wurden wissenschaftliche Fragen gestellt. Auffällig war jedoch, dass einige Gutachter sich weniger durch konstruktive Kritik als durch spöttische, abwertende Bemerkungen hervortaten. Wie Schüler saßen sie gemeinsam in den Hörsaalbänken und kommentierten einzelne Vorträge teilweise mit ironischen Zwischenbemerkungen.

Besonders Clemens Sorg fiel dabei auf. Ich war bereits vorgewarnt worden mit dem Hinweis, er trage sein Pseudonym „der Wadenbeisser“ zu Recht. Seine Kommentare empfand ich häufig als oberflächlich und herablassend. Walter Dörfler unterstützte diese Art der Diskussion. Wir erwähnten Harald zur Hausen aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg als einen potenziellen Kooperationspartner. Dörfler war Jahre zuvor einer der Kritiker von Harald zur Hausens Theorie gewesen, dass bestimmte Viren Krebs auslösen können – eine Theorie, für die zur Hausen später den Nobelpreis erhielt. Ob frühere wissenschaftliche Auseinandersetzungen seine Haltung beeinflussten, kann ich nicht beurteilen. Konstruktiv wirkte sein Auftreten auf mich jedenfalls nicht.

Auch Detlev Drenckhahn erlaubte sich eine flapsige Bemerkung über einen unserer Kooperationspartner, der gar nicht anwesend war. Man hatte den Eindruck, dass hier alte wissenschaftliche Rivalitäten ausgetragen wurden.

Dietrich Niethammer schließlich kannte meinen früheren Chef Hans-Joachim Bremer noch aus gemeinsamen Ulmer Zeiten, als die beiden miteinander konkurrierten. Ob dies seine Haltung beeinflusste, weiß ich nicht. Ich hatte jedoch bereits länger den Eindruck, dass er meine wissenschaftliche Entwicklung mit auffallender Skepsis verfolgte. Offene Kritik äußerte er selten. Seine Vorbehalte wurden eher indirekt deutlich.

Am Ende wurde die beantragte Klinische Forschergruppe abgelehnt. Mit dem Abstand vieler Jahre muss ich zugeben, dass unser wissenschaftliches Gesamtkonzept tatsächlich nicht überzeugend war. Die verschiedenen Teilprojekte passten nicht ausreichend zusammen und bildeten kein wirklich schlüssiges Ganzes. Dass der Antrag letztlich scheiterte, überrascht mich heute deshalb weniger als damals.

Die Art und Weise der Begutachtung empfand ich allerdings als enttäuschend und unwürdig. Von einer wissenschaftlichen Kommission hätte ich mehr Sachlichkeit und gegenseitigen Respekt erwartet. Lediglich Hans Helge hatte ich während der gesamten Begutachtung als objektiv und fair erlebt.

Für mich persönlich war die Ablehnung ein schwerer Rückschlag. Ich fuhr zunächst nach Heidelberg zurück. Wenig später folgte jedoch die eigentliche Überraschung. Hansjörg Seyberth hielt sich nicht an unsere ursprüngliche Vereinbarung. Die zugesagte Oberarztstelle war plötzlich kein Thema mehr. Stattdessen sollte ich zunächst für mindestens ein halbes Jahr wieder als Assistenzarzt auf der pädiatrischen Intensivstation arbeiten. Für mich fühlte sich das wie eine Degradierung an.

Damit nicht genug. Auch das Forschungslabor, das ich nach Marburg mitbringen wollte, sollte zum größten Teil an Rolf Nüsing gehen. Für meine Arbeitsgruppe blieb nur ein kleiner Rest, für eine Fortführung unserer Forschung völlig unzureichend. Unter diesen Bedingungen konnte ich mein Labor nicht nach Marburg verlegen.

Damit stand ich vor einem neuen Problem. Ich war bereits nach Marburg berufen worden, mein Labor befand sich aber weiterhin in Heidelberg. Wie diese ungewöhnliche Situation schließlich gelöst wurde, erzähle ich im nächsten Kapitel.

Als ich damals nach Marburg zog, war von der Euphorie, mit der ich den Ruf angenommen hatte, nichts mehr übrig. Das wissenschaftliche Projekt, das mich dorthin gelockt hatte, war gescheitert, und meine berufliche Zukunft war plötzlich völlig offen.

Aber ich berappelte mich wieder. Denn, wie ich eingangs zu meinem Blog geschrieben habe: Widerstand fordert mich heraus. In diesem Fall war der Rückschlag zwar bitter, weckte aber meinen Ehrgeiz, mich nicht unterkriegen zu lassen. Dieses Gefühl habe ich in dem Song „Ich geb nicht auf“ festgehalten.

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