Hansjörg Seyberth hatte ich in Heidelberg kennengelernt. Er war damals Oberarzt auf H10, der Neugeborenenstation der Kinderklinik. Persönlich und menschlich machte er auf mich einen ausgesprochen guten Eindruck. Er war freundlich, zugänglich und interessierte sich sehr für das, was ich wissenschaftlich machte. Überhaupt war er für vieles offen, was mit Forschung zu tun hatte. Sein eigenes Arbeitsgebiet waren die Prostaglandine und die pharmakologische Forschung.
Später erhielt Seyberth den Ruf nach Marburg und übernahm dort als Ordinarius für Pädiatrie die Abteilung für Allgemeine Pädiatrie. Nachdem er sich einige Jahre eingearbeitet hatte, wollte er eine Klinische Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft einrichten. Dabei sollte sein eigener Forschungsschwerpunkt, die Prostaglandine, eine zentrale Rolle spielen. Das Problem bestand darin, dass ihm dafür ein ausgewiesener Wissenschaftler fehlte, der eine solche Gruppe hätte leiten können. Seine eigenen Mitarbeiter waren für diese Aufgabe noch nicht weit genug.
Seyberth erinnerte sich deshalb an Kollegen aus seiner Heidelberger Zeit. Einer von ihnen war Cord-Michael Becker, der damals am Zentrum für Molekulare Biologie in Heidelberg arbeitete und aus dem Umfeld von Heinrich Betz kam. Becker hatte wichtige Arbeiten zu den molekularen Grundlagen neurologischer Erkrankungen veröffentlicht und bereits beträchtliche wissenschaftliche Anerkennung gefunden. Er war deshalb ein attraktiver Kandidat für die Leitung der geplanten Forschergruppe.
Wie Becker seinen Forschungsschwerpunkt mit Seyberths Prostaglandinen verbinden wollte, war mir allerdings nie ganz klar. Offenbar war er selbst von dem Marburger Modell auch nicht restlos überzeugt, denn parallel bewarb er sich auf eine Professur in Erlangen. Den Ruf erhielt er schließlich und nahm ihn an. Damit war Seyberths Plan zunächst weitgehend zusammengebrochen.
Das Verfahren bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits angelaufen und offenbar gar nicht schlecht beurteilt worden. Seyberth fragte deshalb bei der DFG an, ob man den Antrag mit einem anderen Leiter fortführen könne. Dabei kam er auf mich. Ich hatte damals eine Reihe guter Publikationen vorzuweisen und leitete in Heidelberg bereits mein eigenes Labor. Aus seiner Sicht lag es daher nahe, mich zu fragen, ob ich die Leitung einer Klinischen Forschergruppe übernehmen würde.
Für mich war das Angebot außerordentlich attraktiv. Im Erfolgsfall sollte ich Leiter der Forschergruppe werden und damit eine Professur erhalten. Für den aus Seyberths Sicht eher unwahrscheinlichen Fall, dass die Gruppe doch nicht bewilligt würde, sagte er mir eine Oberarztstelle in seiner Klinik zu. Der Deal war also einfach: Professur oder Oberarzt.
Eine solche Chance konnte ich kaum ausschlagen. Das Verfahren mit Cord-Michael Becker war bereits weit fortgeschritten, die Aussichten schienen gut, und für den Fall des Scheiterns gab es scheinbar eine solide Absicherung. Ich sagte deshalb zu. So wurde ich nach Marburg gelockt.