Ankommen in Marburg

Eine abgelehnte Forschergruppe, ein Umzug wider Willen und ein ungutes Gefühl von Anfang an.

Eigentlich begann meine Marburger Zeit noch in Heidelberg. Ich hatte die Stelle bereits angenommen, wohnte aber weiterhin dort und pendelte zwischen beiden Städten. In Marburg war ich bereits angestellt, während wir gleichzeitig den Antrag für eine Klinische Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorbereiteten. Nachdem Cord-Michael Becker den Ruf nach Erlangen angenommen hatte, sollte ich die Leitung der Forschergruppe übernehmen.

Die Antragstellung war mühsam. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen. Zu Hause schloss ich ein Modem an die Telefonleitung an. Während der Verbindung war die Leitung blockiert, sodass niemand mehr telefonieren konnte. Dokumente wurden mühsam hin- und hergeschickt, und über einzelne Formulierungen wurde endlos diskutiert. Mehrere Beteiligte hatten noch nie einen größeren Forschungsantrag geschrieben. Entsprechend zäh verlief die Arbeit, bis der Antrag schließlich abgeschickt war.

Noch bevor wir endgültig nach Marburg umzogen, nahm ich an der Verabschiedung von Professor Habermann teil, dem ehemaligen Direktor der Pharmakologie in Gießen, wo ich einige Jahre zuvor gearbeitet hatte. Die Veranstaltung fand auf Schloss Rauischholzhausen statt, wenige Kilometer von Marburg entfernt.

Nach dem Ende der Tagung fuhr ich an einem Samstagnachmittag hinunter nach Marburg. Es waren Semesterferien. Die Straßen waren wie leergefegt, kaum Menschen unterwegs. Die Stadt wirkte verlassen und still. Ich weiß noch, dass ich damals ein ganz merkwürdiges Gefühl bekam. Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, worauf ich mich eigentlich eingelassen hatte.

Inzwischen hatten wir eine Wohnung gefunden. Sie lag in der Lutherstraße 6, oberhalb der Altstadt auf dem Weg zum Schloss. Direkt über uns befand sich eine Studentenverbindung, unter uns wohnte der Hauseigentümer in einer alten Villa. Die Wohnung war schön gelegen und bot einen weiten Blick über die Stadt. Eigentlich hätten wir uns darüber freuen müssen.

Dann kam die Begutachtung der Klinischen Forschergruppe.

Der Antrag wurde abgelehnt. Für mich war das ein schwerer Rückschlag. Mit einem Schlag war die wissenschaftliche Perspektive verschwunden, die mich überhaupt nach Marburg gelockt hatte. Gleichzeitig änderte Hansjörg Seyberth seine Pläne. Von der zugesagten Oberarztstelle war keine Rede mehr. Stattdessen sollte ich zunächst noch einmal in der Neonatologie Schichtdienst leisten.

In dieser Situation hatte ich überhaupt keine Lust mehr, nach Marburg umzuziehen. Hilde machte mir klar, dass wir jetzt keine Wahl mehr hatten. Die Wohnung war angemietet, alles war vorbereitet, und wir mussten den Schritt gehen.

Mit großer Begeisterung richteten wir uns deshalb nicht gerade ein. In Mannheim kauften wir die nötigsten Möbel, möglichst preiswert. Es war kein Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, sondern eher ein Umzug wider Willen.

Also luden wir unseren kleinen Mazda voll und fuhren nach Marburg. Jan war damals drei Jahre alt und hatte bereits einen Kindergartenplatz bekommen. Für ihn war es einfach ein Umzug. Ich selbst fuhr mit einem ziemlich unguten Gefühl nach Marburg.

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