Ich hatte endlich erreicht, wofür ich viele Jahre gekämpft hatte: die Leitung einer universitären Kinderklinik, in der ich moderne Pädiatrie mit einem fundierten wissenschaftlichen Konzept verbinden konnte. Und das in einer romantischen Universitätsstadt mit regem Studentenleben, die auch städtebaulich vieles mit Heidelberg gemeinsam hatte. Der ausgebliebene Ruf auf den Lehrstuhl der Heidelberger Universitätskinderklinik war längst vergessen. Ich hatte alles, was mein Herz begehrte. Auch meine Familie fand Göttingen wunderbar.
Wir zogen nach Nikolausberg, in ein architektonisch schönes Haus mit einem kleinen Garten. Jan und Kaja fanden bald ihren Platz. Auch für Hilde und mich fühlte es sich an, als könnten wir nach vielen Ortswechseln den Rest unseres Lebens hier verbringen. So dachten wir jedenfalls.
Auch beruflich begann die Göttinger Zeit ziemlich erfolgreich. Ich erneuerte meinen Klinikbereich und erhielt für meine wissenschaftliche Arbeit rund 600 Quadratmeter Laborfläche. Bald arbeiteten dort etwa zwanzig Mitarbeiter. Wir verfügten über moderne Geräte, eine großzügige Förderung durch die Volkswagen-Stiftung und Drittmittel von mehr als einer Million Euro. Klinik und Forschung ließen sich tatsächlich so miteinander verbinden, wie ich es mir über viele Jahre vorgestellt hatte.
Die Göttinger Kinderklinik war nicht hierarchisch sondern aus drei eigenständigen Kliniken aufgebaut. Wobei meine Klinik die mit Abstand größte war. Der Vorstand hatte jedoch einen Größenangleich beschlossen und wollte die Bereiche neu zuordnen. Was auf dem Organigramm kaum vernünftig aussah, erwies sich im Alltag als Desaster. Zuständigkeiten, Personal, Patienten, Kosten und Erlöse ließen sich nicht voneinander trennen, so wie es der Vorstand versprochen hatte. Und wo Grenzen gezogen werden, gibt es meistens jemanden, der sie gern verschieben möchte.
Göttingen war für einige Jahre ein guter Ort für uns. Gerade deshalb lässt sich der spätere Entschluss, alles wieder aufzugeben, nicht auf einen einzelnen Streit oder ein bestimmtes Ereignis reduzieren. Am Ende verließ ich eine gut laufende Klinik, ein großes Forschungslabor, ein schönes Haus und eine Stadt, in der sich meine Familie wohlfühlte.