Als wir richtig gute Schüler wurden

Klassenarbeiten, Bibliothek, Direktor Nuhn und eine erstaunliche Notenverbesserung.

etwa 1972

Pipa, Manni und ich waren uns in einigen Dingen ziemlich einig: nicht zu viel für die Schule tun und die Freizeit sinnvoll nutzen. Wir wurschtelten uns so recht und schlecht durch. Sitzen geblieben waren wir ohnehin schon. Klassenarbeiten – besonders in Mathematik und Physik – fürchteten wir allerdings. In diesen Fächern fehlte uns einfach das Talent. Aber wir konnten fehlendes naturwissenschaftliches Talent durch kreative Intervention wettmachen.

Die Termine der Klassenarbeiten wurden meistens vorher angekündigt. Wir wussten, dass die Aufgaben von der Sekretärin Frau Hundemer sauber abgetippt und vervielfältigt wurden. Frau Hundemer hatte ihren Schreibtisch in der Bibliothek, einem Ort, den wir normalerweise konsequent mieden. Was sollten wir dort auch? Wir hatten schließlich eigene und deutlich spannendere Literatur.

Vor Klassenarbeiten änderte sich das. Dann erschienen wir gemeinsam in der Bibliothek. Einer oder zwei von uns zeigten demonstrativ Interesse an den Berufsfindungsordnern in den Regalen. Schließlich lagen nur noch ein oder zwei Jahre bis zum Abitur vor uns, und wir wollten uns über unsere Zukunft informieren. Behaupteten wir. Sobald Frau Hundemer, am Regal stehend, durch ein Gespräch abgelenkt war, inspizierte der Dritte unauffällig ihren Schreibtisch und ließ ein Exemplar der fertigen Klassenarbeit mitgehen. Zuhause konnten wir dann in aller Ruhe sämtliche Aufgaben lösen, und die Klassenarbeit war ein Kinderspiel.

Auffällig war nur, dass wir drei ausgesprochen untalentierten Schüler plötzlich die besten Noten der Klasse schrieben. Das konnte nicht sein. "Direx" Nuhn hatte uns „auf dem Schirm“. Wir wurden zu ihm zitiert und befragt. Er mochte uns nicht besonders. Für ihn waren wir Versager, die im späteren Leben nicht bestehen würden. Aber wir hielten dicht, standen bei Klassenarbeiten fortan allerdings unter verschärfter Beobachtung.

Doch damit nicht genug. Wir entwickelten noch weitere Strategien. Eine bestand darin, ein Fenster der Bibliothek tagsüber nur angelehnt zu lassen. Die Schule war damals noch nicht besonders gesichert, und so konnten wir nachts problemlos einsteigen. Wie Schwerverbrecher mit Masken verkleidet schlichen wir mit Taschenlampen durch die Bibliothek. Die Klassenarbeiten waren schnell gefunden.

Auch diesmal sorgten unsere plötzlich auftauchenden Einsen und Zweien für Verwunderung. Solche Noten hatten wir normalerweise nie geschrieben. Schließlich griff Direktor Nuhn ein: Wir mussten die Arbeiten unter Aufsicht noch einmal schreiben – und die Ergebnisse sahen sofort wieder deutlich vertrauter aus.

Manni trieb das Ganze schließlich auf die Spitze. Während einer Klassenarbeit meldete er sich angeblich zur Toilette ab. Tatsächlich schmuggelte er die Aufgaben nach draußen, wo bereits unser Mitschüler Wolfgang (Loisl) wartete. Loisl war fleißig und talentiert in Mathematik und Physik. Offenbar hatte er Mitleid mit Manni und löste die Aufgaben für ihn auf der Toilette.

Manni wiederum war technisch seiner Zeit voraus. Er hatte sich ein kleines Empfangsgerät mit Ohrstöpsel besorgt. Darüber diktierte Loisl ihm anschließend die Lösungen direkt in den Klassenraum – mit entsprechend ungewohnt gutem Ergebnis.

Unsere kleinen Operationen sind nie aufgeflogen. Aber bis heute bringen sie uns zum Lachen.

Direktor Alois Nuhn

"Direx" Alois Nuhn.