1973
Wenn man vier Fünfen und eine Sechs im Oberstufenzeugnis hatte, erwartet niemand, dass daraus ein Medizinstudium wird. Am wenigsten die Lehrer. Ich auch nicht.
Trotzdem hielt ich einige Jahre später mein Abiturzeugnis in der Hand. Mit meiner Durchschnittsnote von 3,2 kamen für mich nicht gerade viele Berufe infrage. Zumindest nicht die mit einem Numerus Clausus. Und das waren alle medizinischen Berufe. Ich wollte das schlicht ignorieren und sagte auf die Frage unseres Klassenlehrers, was ich denn werden wollte: „Doc Holliday“.
Ich wußte, dass Doc Holliday ein Zahnarzt und Revolverheld im Wilden Westen war, interpretierte den Namen für mich aber als geniale Kombination von „Arzt“ und „Ferien machen“. Also genau richtig für mich: ein Arzt, der überwiegend Ferien macht. Auf meine Antwort folgte schallendes Gelächter der gesamten Abiturklasse. Niemand glaubte daran, dass das mit mir und dem Doc etwas werden könnte. Ich eingeschlossen.
Doch dann kam Manni. Er rief mich eines Tages in Morbach an. Er war bereits in Gießen und machte dort eine Ausbildung zum medizinischen Dokumentationsassistenten. In der "Gießener Allgemeinen" hatte er gelesen, dass im Nachrückverfahren noch einige Studienplätze für Humanmedizin verlost werden sollten.
„Bewirb dich doch einfach“, sagte er. Warum eigentlich nicht, dachte ich. Ich hatte nichts zu verlieren und erwartete nichts. Aber dieses Mal hatte ich Glück. Zum ersten Mal in meinem Leben gewann ich etwas. Und dann war es gleich ein Volltreffer – wie ein Sechser im Lotto. Ein Studienplatz in Humanmedizin. Absurd: vor Jahren hatte man mich für nicht oberstufenreif gehalten. Und nun sollte ausgerechnet ich Medizin studieren?
Der Losentscheid, der mir den Studienplatz ermöglichte.
Und dann ging’s nach Gießen. Ich fand mich schnell in Mannis Clique ein. Alles Kerle wie wir. Viel Unsinn im Kopf und bei jeder Feier mit dabei. Aber für mich wurde es jetzt richtig ernst. Da waren all die vermeintlichen Einserkandidaten, die nun mit mir Medizin studierten. Kinder von Ärzten, Akademikern und Lehrern. Menschen, die viel selbstverständlicher in diese Welt zu gehören schienen als ich. Wie sollte ich gegen die bestehen? dachte ich damals.
Die Antwort war einfach. Ich musste zum ersten Mal in meinem Leben wirklich schuften. Und das tat ich. Jahre später bestand ich mein Staatsexamen mit Auszeichnung.
Manchmal denke ich an Direktor Nuhn, an Deutschlehrer Müller und an all die anderen zurück, die sich damals ein recht klares Bild von meinen Möglichkeiten gemacht hatten. Sie konnten nicht wissen, was noch kommen würde.
So wie ich.