Sommer 1976
Der Sommer 1976 war der vielleicht glücklichste Sommer meines Lebens. Ich hatte mein Physikum bestanden und war kurz zuvor mit Luigi und Uwe aus der Wohnung in Krofdorf-Gleiberg ausgezogen. Eigenbedarf! Mit Luigi zog ich dann in eine Dreizimmer-Dachgeschosswohnung in der Rodheimer Straße 88 in Heuchelheim. Um die Ecke ist Till Schweiger aufgewachsen. Meine Schwester Resi hatte einen Job als Krankenschwester in der Chirurgischen Universitätsklinik angenommen und stieß zu uns. In den Semesterferien hatte ich mir als Nachtwache im Evangelischen Krankenhaus Geld für ein Motorrad zusammengespart. Ich hatte bereits auf dem Rücksitz einer Honda 450 gesessen und ihre Wahnsinns-Beschleunigung erlebt. So etwas wollte ich auch.
An dieser Stelle kam Werner ins Spiel. Seine Heimattruppe im Saarland bestand aus Halbstarken, Schlägern, und potentiellen Kleinkriminellen. Und aus Motorradfahrern. Marke: weichgespülte Hells Angels mit intellektuellem Einschlag.
Werner wollte auf eine größere Vierzylinder-Honda umsteigen und seine Zweizylinder-Honda 450 verkaufen. Ich kaufte sie ihm für 1.700 Mark ab. Plötzlich gehörte ich zu den Motorradfahrern. Mit Lederjacke, Honda und dem Gefühl: ich war nun auch so einer. Und ich konnte mich mit meinem Geschoss jederzeit irgend wohin bewegen. Morgens fuhr ich nach Gießen zu den Vorlesungen. Ich liebte Pathologie und fand das Fach großartig.
Nach den Vorlesungen ging es zum Heuchelheimer Badesee. Dort lagen Studenten und Studentinnen in der Sonne. Viele der Mädels badeten oben ohne. Heute kaum noch vorstellbar, damals aber völlig normal. Die 1970er Jahre waren eine Zeit der Befreiung.
Ich legte mich ins Gras, schlug mein Lehrbuch der Pathologie auf und las. Am Badesee. Pathologie. Klingt seltsam. Aber ich genoss es.
Auch meine überflüssigen Pfunde war ich durch das Lernen und das Trinken riesiger Kaffeemengen losgeworden. Die Matte war verschwunden. Stattdessen trug ich eine Kurzhaarfrisur, wodurch meine Locken aus Kindheitstagen wieder sichtbar wurden. Damit verschwand auch ein Teil des Bildes, das ich jahrelang von mir selbst gehabt hatte.
Abends zog ich weiter mit Luigi durch die Gießener Kneipen. Wir waren eingespielt, hatten denselben Humor und dieselbe Lust am Leben. Und die Mädels mochten uns.
Irgendwann in diesem Sommer wurde mir klar, weshalb ich mich so gut fühlte. Es war nicht die Honda und nicht das Physikum. Es war auch nicht die Pathologie. Und noch nicht einmal die Mädels. Es war etwas anderes.
Zum ersten Mal in meinem Leben waren mir die anderen plötzlich scheißegal geworden.
Die Lehrer. Die Einserkandidaten. Die selbsternannten Autoritäten. Die Menschen, die meinten beurteilen zu können, was aus einem werden würde. Ich musste niemandem mehr etwas beweisen.
Ich war frei.
Und in meinen Träumen konnte ich fliegen.
Die Gedanken auf dieser Seite habe ich in zweien meiner Songs musikalisch verarbeitet: „Endlich frei“ und „Ich geb nicht auf“.