```html Das Physikum · Lothar Schweigerer

Das Physikum

Als Sitzenbleiber zwischen Einserkandidaten, Lernwahnsinn, Kaffee und der ersten großen Bewährungsprobe.

Frühjahr 1976

Als ich mit dem Medizinstudium begonnen hatte, war mein Selbstvertrauen nicht das Allerbeste. Überall nur ehemalige Musterschüler, Einserabiturienten und kleine Genies. Dachte ich. Und mittendrin ich. Ehemaliger Sitzenbleiber mit vier Fünfen und einer Sechs im Oberstufenzeugnis. Nicht gerade die ideale Ausgangslage für ein gesundes Selbstvertrauen.

Ich hatte Angst zu versagen. Die Schule hatte schließlich gezeigt, wie schnell man abgestempelt werden konnte. Also beschloss ich, vor dem Physikum und nach dem vierten Semester ein weiteres einzulegen. Wenn ich schon nicht der Klügste war, dann wenigstens der Fleißigste.

Im Frühjahr 1975 hatte ich mit Luigi und Uwe die Wohnung der ehemaligen Truppe um Manni in Krofdorf-Gleiberg bezogen. Die Truppe aus dem Institut für Medizinische Dokumentation war ausgerückt, weil alle mit ihren Freundinnen zusammen gezogen waren. Die wilden Zeiten waren also erst einmal vorbei.

Ich hatte das ehemalige Zimmer von Bernd. Darin standen ein riesiges Bett von zwei mal zwei Metern, ein alter Schreibtisch, ein Stuhl und meine Stereoanlage mit den mittlerweile um die 200 LPs. Bett und Schreibtisch hatte ich braun gestrichen. Das Bettzeug hatte ein orangefarbenes Pepita-Muster. Damals fand ich das schick.

Das Lernen hatte ich mir organisiert. Ganz einfach: sieben Prüfungsfächer und ein Lehrbuch pro Fach. Macht x Seitenzahlen. Dividiert durch die Tage bis zum Physikum ergab das mein tägliches Pensum an Seiten, die ich lernen musste. Es ging so: zwei Seiten lernen, fünf Minuten Powernap, anschließend die beiden Seiten laut wiederholen. Dann die nächsten zwei Seiten, und so weiter.

Ich habe grundsätzlich laut gelernt. Auge und Ohr zusammen funktionieren besser als das Auge allein. Ist meine Überzeugung. Als irgendwann einmal Luigis Mutter zu Besuch war, hörte sie mich in meinem Zimmer reden. Sie dachte zunächst, ich hätte Besuch. Als sie bemerkte, dass ich allein war und trotzdem ununterbrochen sprach, dachte sie: "Mit dem Jungen stimmt was nicht"! Und fragte Luigi abends voller Sorge, ob man mir helfen müsste.

Unterbrochen wurde das Lernen nur durch kreative Kochkunst: Spiegeleier machen. Uwe und ich verdrückten riesige Mengen davon, während im Fernsehen Skiabfahrten oder Skispringen liefen. Oder durch Schallplattenhören. Musik war fast so wichtig wie Anatomie, Biochemie oder Physiologie.

Kaffee war mein Motor. Morgens eine Kanne. Nachmittags noch eine. Für mich allein. Abends merkte ich es. Manchmal sah ich Dinge, die es nicht gab. Und dann musste ich ja auch noch schlafen. Von Aldi hatten wir uns ausreichend Pennerbomben zugelegt. Die mussten nun für den Schlaf sorgen. Um zwei Uhr nachts hatte ich meist Bettschwere erreicht. Und morgens um acht ging das gleiche Programm von vorne los.

Dann kam das Physikum. In der Stadthalle Gießen, etwa hundert Studenten. Nervös. So wie ich.

Während der Vorbereitung hatte ich mir eine Strategie angewöhnt, die ich bis heute beibehalten habe. Zuerst die einfachen Aufgaben. Erfolg schafft Selbstvertrauen. Selbstvertrauen schafft Ruhe. Und Ruhe hilft bei den schwierigen Problemen. So arbeitete ich mich durch den Fragenkatalog. Während der Prüfung fühlte ich, dass es reichen könnte. Mit siebzig Prozent richtig beantworteter Fragen war ich „dabei“. Sogar in Physik und Chemie. Fächern, mit denen ich in der Schule nichts am Hut hatte.

Das war im Frühjahr 1976.

Ergebnis der Ärztlichen Vorprüfung 1976
Das Ergebnis meiner Ärztlichen Vorprüfung vom April 1976: 212 von 300 Fragen hatte ich richtig beantwortet. Damit war das Physikum bestanden.

Das Physikum war für mich mehr als nur eine bestandene Prüfung. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die Urteile aus meiner Schulzeit vielleicht doch nicht das letzte Wort waren. Die vermeintlichen Genies waren ganz normale Menschen. Und ich war offenbar nicht der hoffnungslose Fall, für den mich manche gehalten hatten.

Zum ersten Mal begann ich zu glauben, dass ich meinen eigenen Weg vielleicht doch gehen könnte.

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