Dau grauls joh!

Eine Redewendung, ein Groschen und eine Erinnerung an Thomasse Hanni.

Es gibt Redewendungen, die sich tief in meinem Gedächtnis festgesetzt haben – meist verbunden mit Erlebnissen aus der Vergangenheit, die ich entweder besonders positiv oder unglücklich in Erinnerung behalten habe. Eines dieser Bonmots hängt mit Thomasse Hanni zusammen.

Die Familie Thomas lebte schräg gegenüber von uns, links neben dem ehemaligen Bauernhaus Gorges. Dieses ist inzwischen abgerissen; das Haus der Familie Thomas steht noch, wenn auch modernisiert. Meiner Erinnerung nach wurde es in den 1980er Jahren umgebaut und neu verputzt. Zuvor war es, wie die meisten Gebäude in der Umgebung, ein typisches Bauernhaus. Die Mistekaul vor dem Haus war zwar nicht ganz so groß wie die der Familien Gorges oder Trein, doch die Scheune rechts neben Stall und Wohnhaus erschien mir – zumindest aus der Perspektive eines Siebenjährigen – riesig.

Hanni war damals der Senior des Hauses, vermutlich um die achtzig Jahre alt, und zudem Besitzer eines nicht mehr ganz intakten Gebisses. Er wusste, dass ich mir hin und wieder mit kleinen Dienstleistungen ein paar Groschen verdiente. Eines Tages sprach er mich an: „Wennsde ma hilfs, da krejsde och en Grosche.“ Ich war nicht abgeneigt und fragte, was ich dafür tun müsse.

„Ei komm met, eich zaijen dat“, sagte er und ging voraus in die Scheune. Dort bedeutete er mir, die Leiter hinauf ins Heu zu steigen. „Klääna, kletta moll lo roff, dann soon ich da, wats de se doun has.“

Ich kletterte also hinauf und fragte, oben angekommen, was genau ich tun sollte. Doch Hanni nuschelte durch sein Gebiss so undeutlich, dass ich hoch oben auf der Leiter kein Wort verstand. Ich fragte erneut – wieder ohne Erfolg. Auch beim dritten Versuch blieb mir seine Anweisung unverständlich. Da rief er schließlich: „Komm eloh runna, dau grauls jo!“

Natürlich hatte ich nicht wirklich Angst – zumindest nicht mehr, als ein Junge in luftiger Höhe eben hat. Aber Hannis Aussprache machte es mir einfach unmöglich, ihn zu verstehen. Also stieg ich, etwas bedröppelt, wieder hinunter. Der Groschen, den ich gedanklich bereits in eine Kugel Eis im Café Weyand investiert hatte, war damit verloren.

Schade – aber der Spruch ist geblieben. Und wenn ich die Geschichte heute erzähle, können wir noch immer herzlich darüber lachen.

Für die mit der Morbacher Mundart nicht so Vertrauten hier die Übersetzungen: „Wennsde ma hilfs, da krejsde och en Grosche.“ = „Wenn du mir hilfst, bekommst du zehn Pfennige.“ „Ei komm met, eich zaijen dat.“ = „Dann komm mit, ich zeige es dir.“ „Klääna, kletta moll lo roff, dann soon ich da, wats de se doun has.“ = „Kleiner, klettere mal dort hoch, dann sage ich dir, was du zu tun hast.“ „Komm eloh runna, dau grauls jo!“ = „Komm wieder herunter, du hast ja Angst.“