Abenteuer an der Gotterbach

Streifzüge, Mutproben und eine Kindheit, in der das Dorf die ganze Welt war.

Damals war das Dorf klar eingeteilt in Ober- und Unterdorf. Die unsichtbare Grenze verlief etwa an der Kirche: Alles südlich von Saar- und Bahnhofstraße gehörte zum Oberdorf, der Rest war das „Innerdorf“. Von den Älteren wurde man daher gern gefragt: „Kimmste vom Inner- oder Oberdorf?“ Und gleich darauf: „Wem seine bes dau dann?“ So wurde man eingeordnet, und nicht selten entspann sich daraus ein kleines Gespräch.

Wie selbstverständlich hatte man seine Freunde in unmittelbarer Nähe des Elternhauses – in meinem Fall im Innerdorf. Alfons wohnte gegenüber im Bauernhaus, Jonny kam von der Aral-Tankstelle, und Heiner war oft nebenan, wo seine Oma wohnte. Wir vier bildeten so etwas wie eine kleine Bande.

Computer oder Handys gab es nicht. Unsere größte Freude war es, nach den erledigten Schulaufgaben nach draußen zu dürfen. Oft spielten wir Fußball im Hof, doch noch spannender waren unsere Streifzüge durch die nähere Umgebung. Damals floss der Morbach noch offen mitten durch den Ort, ohne Betoneinfassung. Zwischen dem Bauernhaus Weyand und dem Elektrogeschäft Kramp überquerte die Bernkasteler Straße den Morbach, den wir immer nur „die Gotterbach“ nannten – weshalb, wussten wir nicht.

Eine ganz besondere Mutprobe war es, unter der Brücke durchzukriechen. Der Einstieg lag hinter dem Bauernhaus Gorges oder auf dem gegenüberliegenden Hacks Bungert. Wegen der niedrigen Höhe kam man nur kriechend durch. Schon bevor wir uns auf alle Viere begaben, schlugen unsere Herzen schneller. Es war diese Mischung aus Neugier und Ungewissheit: Was würde uns dort unten erwarten? Nach wenigen Metern verschwand das Tageslicht, es roch feucht und modrig, und jedes Rascheln ließ uns zusammenzucken. Das Wasser gluckerte neben uns, und manchmal lag plötzlich etwas im Halbdunkel: eine tote Ratte, aufgebläht und reglos, oder eine, die sich hastig davonmachte. In solchen Momenten pochte das Herz bis zum Hals, und doch gab keiner von uns zu, Angst zu haben. Umzukehren kam nicht in Frage. Am Ende der Durchquerung stieß man auf den Fußweg zur damaligen Gerberei – ein Stück gewachsen an Mut und stolz wie Entdecker.

Dort traf man gelegentlich die älteren Kinder – darunter meine beiden Brüder –, die wie wir eine Bande gebildet hatten und das Gebiet zu ihrem „Revier“ erklärt hatten. Sie stauten die Gotterbach vor der Gerberei. In den so entstandenen kleinen See setzten sie die Blechwannen, die sie aus den Waschküchen der Mütter entführt hatten. Mit einer Bohnenstange aus dem Gemüsegarten wurden sie zu Gondolieres in Venedig. Für uns Jüngere war das waghalsig: Wer das Gleichgewicht verlor, landete unweigerlich im Bach – sehr zum Gelächter der anderen.

Die Eltern fragten zwar manchmal, wo wir den Nachmittag verbrachten, doch im Grunde gehörte das Dorf uns. Bis zum Abend waren wir frei, erkundeten, spielten und tobten herum. Solange wir rechtzeitig zum Abendessen nach Hause kamen, mischte sich niemand ein. Wir fühlten uns sicher, geborgen und unbeschwert – das Dorf war unsere Welt.

Das Bild zeigt das Haus Gorges im Vorder- und das Haus Hack im Hintergrund. Rechts vom Haus Gorges gings in den Eingang zur Unterführung.