Von Holzklötzen und Zirkusspielen

Fantasie, Nachbarskinder und eine Manege aus Brennholz.

In den 1960er-Jahren gab es in Morbach nur wenige Haushalte mit einem Fernseher. Computer, iPads oder Smartphones kannte man nicht. Was machte man also als Kind? Man beschäftigte sich. Nicht allein vor dem Bildschirm, wie es heute oft der Fall ist, sondern miteinander. Nachbarskinder und Gleichgesinnte kamen zusammen und erfanden ihre eigenen Spiele.

Da unsere Wohnung mit Holz beheizt wurde, kam im Herbst immer eine Lieferung Brennholz: Buchenstämme, auf einen Meter Länge geschnitten und längs gespalten. Diese mussten anschließend auf etwa 30 Zentimeter gekürzt werden. Also klopfte man beim Holzschneider Loch in der Hebegasse an und vereinbarte einen Termin. Bald stand der Hanomag-Traktor mit der am Heck montierten Bandsäge in unserem Hof. An einem Nachmittag wurden so rund zehn Raummeter Holz zersägt.

Was danach blieb, war für uns Spielmaterial: Sägemehl, mit dem sich allerhand anstellen ließ – und vor allem: Holzklötze. Für uns waren es Riesen-Legosteine. Mit ihnen konnten wir die unterschiedlichsten Szenen aufbauen. Am meisten liebten wir das Zirkusspiel. Die Klötze wurden zu einem Kreis aufgestellt und die Mitte war dann unsere Manege.

Alle Nachbarskinder aus der Bernkasteler Straße, oder eigentlich des gesamten Unterdorfs, fanden sich ein: Alfons, Jonny, Heiner und Walli, meine jüngere Schwester, ich und einige andere. Jeder war mal als Darsteller an der Reihe und überlegte sich seine Lieblingsrolle. Alles war möglich. Der eine spielte ein Raubtier, ein anderer den Dompteur, wieder andere waren Clowns, Zauberer oder Jongleure. Nicht zu vergessen: Einer musste an der Kasse sitzen und den Eintritt verlangen, zum Beispiel einen Pfennig oder einen kleinen Knüppel Holz. Unsere Vorstellungen waren spannend, lustig und ließen die Zeit wie im Zeitraffer verfliegen.

Doch der Herbst nahte und meine älteren Brüder mussten zügig die Holzklötze mit der Axt in Brennmaterial spalten. Unsere Manege schrumpfte, der „Besucherstrom“ versiegte – und dann war die alljährliche Zirkussaison irgendwann beendet. Doch wir wussten: Im nächsten Jahr beginnt wieder alles von vorne.