Ich weiß nicht, ob die Winter in den 60er- und 70er-Jahren tatsächlich kälter waren als heutzutage. Vielleicht hat man als Kind einfach anders empfunden. Aber es gab definitiv mehr Schnee.
Ich erinnere mich noch gut an den Winter 1962/63: Wochenlang herrschte Frost. Der Schnee lag über einen halben Meter hoch. Oder an den Winter 1969/70, als sich die Schneemassen auftürmten und der Heimweg mit dem Schulbus von Bernkastel wegen der Schneeverwehungen kaum möglich war.
Diese Zeit hatte aber auch etwas Heimeliges. Wir hatten noch keine Heizung; geheizt wurde mit Holz. In der Küche stand ein Koch- und Backofen, im Wohnzimmer ein etwa 1,50 Meter hoher gusseiserner Ofen. Wenn es richtig kalt war, wurden beide kräftig angeheizt, und es wurde wunderbar warm und gemütlich.
Da es kaum Süßigkeiten zu kaufen gab, machten wir uns in der kalten Jahreszeit manchmal einen Bratapfel. Das war einfach: Apfel in das Backfach des Küchenofens legen, etwa 30 Minuten warten – und schon war er fertig. Noch etwas Zimt und Zucker darüber … mmmh!
Oft nahm ich meinen Bratapfel mit ins Wohnzimmer, an meinen Lieblingsplatz: den Ohrensessel vor dem gusseisernen Ofen. Dort saß ich gerne, mit Hüttenschuhen, die Füße an die warme Ofenwand gelehnt, und vertiefte mich in ein Buch.
Ich las alles, was ich finden konnte: die Mädchenbücher meiner Schwestern, sämtliche Karl-May-Bände und drei besondere Lieblingsbücher – Die Schildbürger, Drei Freunde von Enid Blyton und Jan und das Wildpferd. Alle drei besitze ich noch heute.
Wenn es auf die Schlafenszeit zuging, wurde für jedes Kind ein Backstein in den Ofen gelegt, damit er sich aufheizte. Das dauerte eine Weile. Inzwischen hatten sich an den Fenstern Eisblumen gebildet – wunderschöne, filigrane Muster.
Wenn dann ein Auto von der Hunsrückhöhenstraße in die Bernkasteler Straße einbog und sich unserem Haus näherte, begannen die Eisblumen im Licht zu glitzern und in allen Farben zu strahlen. Es war fast so schön wie in einem Kino. Die Zeit wurde uns nicht lang beim Betrachten dieses Schauspiels.
Wenn unser Backstein aber heiß genug war, wurde er in ein Tuch gewickelt und ans Fußende des Bettes gelegt.
Und wenn ich noch nicht müde war, kroch ich mit einem Buch unter die Decke, beleuchtete die Seiten mit der kleinen Nachtischlampe und begab mich in meine träumerischen Abenteuer.