Samstage

Samstage am Ende der 1950er Jahre.

Wochenenden haben ihren eigenen Zauber. So war es auch am Ende der fünfziger Jahre in Morbach. Ich war sechs Jahre und eben erst Grundschüler geworden. Ich ging gern zum Unterricht und das Wochenende war noch nicht das ersehnte Ausruhen von der Schule – so wie später.

Ich hatte feste Aufgaben. In einem Haushalt mit sechs Kindern konnte unsere Mutter die Arbeit unmöglich allein bewältigen. Zu meinen täglichen Pflichten gehörte es, die Holzkasten zu füllen. Eine Heizung gab es nicht. Küche und Wohnzimmer wurden mit Buchenholz warm gehalten. Das Holzschleppen war mir lästig. Immer wieder ging ich die Stufen vom Keller nach oben, jedes Mal mit einem Arm voll Holz, bis die Kisten gefüllt waren.

Am Samstag kam noch mehr dazu: Alle Schuhe mussten geputzt werden, außerdem mussten der Hof und die „Glan“ vor dem Haus gekehrt werden. Auch das erledigte ich ohne große Begeisterung. Aber ich wusste: Wenn alles geschafft war und ich wieder ins Haus trat, begann es – dieses wunderbare Samstagnachmittagsgefühl. Meine Mutter hatte geputzt und gebacken, und das ganze Haus war erfüllt von einem Duft aus Bohenwachs und Kuchen. Es war ein ganz besonderer Geruch, den ich auch heute noch nachempfinden kann. Dann stellt sich für Sekunden ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit ein.

Es gibt solche Augenblicke im Leben, die sich einem tief einprägen und später, oft ganz unerwartet, wiederkehren. Ausgelöst durch einen Klang, einen Geruch, vielleicht einen Lichtschein. Noch heute ist es so, wenn an meinem jetzigen Wohnort die Abendglocken läuten. Dann stehe ich plötzlich wieder als Kind in Morbach, und für einen kurzen Moment ist alles wie früher. Oder wenn ich das leise Brummen eines Sportflugzeugs höre: Dann bin ich zurück im Sunset District in San Francisco, wo dieses Geräusch bedeutete, dass sich der Nebel verzogen hatte und ein Tag mit strahlend blauem Himmel begann.

Meine älteren Geschwister hatten es sich inzwischen in der warmen Küche bequem gemacht und bereiteten sich auf den Abend vor. In der Philips Philetta lief Radio Luxemburg auf Mittelwelle, mit voller Lautstärke.

Nach dem Friseurbesuch

Die Philetta vibrierte und rappelte. Camillo Felgen moderierte mit seiner durchdringend sonoren Stimme „Die großen Acht“, die Hitparade der Woche. Er kündigte die Idole der späten 50er an: Ted Herold oder Conny Froboess mit den „Zwei kleinen Italienern“. Noch lieber hörten wir „Sugar Baby“ von Peter Kraus oder „Raunchy“ von Billy Vaughn. Aber am allergrößten war Elvis. Unsere Eltern hingegen schüttelten über diesen neumodischen Kram meist nur den Kopf und ordneten Zimmerlautstärke an. Hatten die Eltern die Küche verlassen, dann musste die Philetta wieder alles geben….

Mein älterer Bruder hatte sich bereits in Form gebracht. Die Tolle saß perfekt, mit Haarfett und Zuckerwasser sorgfältig modelliert. Meine beiden Schwestern hatten mit dem Toupierkamm ihre Frisuren zu enormen Türmen aufgebaut und übten ein paar Twist-Schritte. Denn am Abend sollte es zu Hanny Schieren in der Bahnhofstraße gehen und später weiter ins Tanzlokal „Düsseldorfer Radschläger“ nach Wenigerath. Ein sicherer Twist konnte dort nicht schaden.

Ich selbst musste mit meinen sechs Jahren noch warten. Aber schon damals ahnte ich: auch ich würde irgendwann eine tolle Frisur haben und zum Tanz am Samstagabend gehen.