Bis Anfang der sechziger Jahre war der Fernseher in unserem Dorf kein Gegenstand, sondern ein Ereignis. Wer einen hatte, war bekannt. Wer keinen hatte, wusste genau, wo einer stand.
Wir gehörten zu denen ohne. Sechs Kinder, wenig Geld, aber viel Neugier. Dietmar´s Familie hatte bereits einen Fernseher. Wenn ich mit Erlaubnis meiner Mutter zu ihm in die Saarstraße durfte, war das jedes Mal ein kleiner Feiertag.
Meine Liegnlingsserie im Nachmittagsprogramm war „Als ich noch der Waldbauernbub war“. Ein Junge auf der Alm, einfache Geschichten, kleine Abenteuer. In meinen kleinen Fantasiewelt war ich dieser Junge, ging mit dem Vieh über die Alm, hörte die Kuhglocken und roch das frische Gras. Auch Lassie, Rin-Tin-Tin und Fury gehörten zu meinen Lieblingssendungen. Tiere, die treu waren, mutig, zuverlässig.
Meine Mutter sah meine Fernsehbesuche mit etwas Skepsis. Man ging nicht einfach so zu anderen Leuten. Also trug ich manchmal ein kleines Geschenk unter dem Arm, zum Beispiel ein Stück Seife. Ich spürte, dass Fernsehen etwas Besonderes war.
Zu Hause wuchs der Wunsch nach einem eigenen Fernseher. Er wurde selten ausgesprochen, war aber immer da. Als mein Vater durch den Verkauf des Elternhauses in der Eifel zu Geld kam, nahm dieser Wunsch plötzlich Gestalt an. Mein Bruder beobachtete das Schaufenster von Elektro Kramp im Nachbargebäude mit unermüdlicher Aufmerksamkeit.
Kurz vor Weihnachten 1963 fehlte dort ein Gerät. Für ihn war alles klar. Am Heiligabend robbte er sich während des Singens zum Türspalt des Nebenzimmers. Ein Blick genügte. Noch im Lied verkündete er, dass der Fernseher angekommen sei.
Es war kein Gerät, sondern eine schwere Edelholztruhe, abschließbar, ehrwürdig. Und sie wurde abgeschlossen. Wir durften nur ausgewählte Sendungen sehen. Samstagsabends saß die Familie gemeinsam davor. Man sprach wenig, man war da und genoss die Quizsendungen mit Kulenkampff oder Frankenfeld.
Am stärksten erinnere ich mich an die Adventssonntage. An die Vierteiler. „Die Schatzinsel“, „Robinson Crusoe“. Diese Geschichten begleiteten uns über Wochen. Zwischen den Folgen lebten wir weiter in ihnen. Das Warten bis zur nächsten Folge gehörte dazu. Und vielleicht machte gerade das sie so kostbar.
Gegen Ende der sechziger Jahre kam das „Buntfernsehen“. Ein Wort wie aus einer anderen Welt. Farbfernseher waren unerschwinglich, das Farbprogramm kurz und nur am Abend ausgestrahlt. Doch im Schaufenster von Elektro Kramp stand ein SABA-Fernseher, mit einem Außenlautsprecher. Dort lief das Farbprogramm und man blieb stehen. Anfangs waren es nur ein paar Neugierige. Dann wurden es immer mehr. Menschen kamen von allen Seiten, blieben stehen, rückten näher.
Man stand Schulter an Schulter und staunte gemeinsam, als hätte jemand ein Fenster in eine neue Zeit geöffnet. Die Farben waren überwältigend – hell und lebendig, beinahe unwirklich. Sie schienen aus dem Schaufenster herauszutreten und sich auf die Gesichter davor zu legen. Alles wirkte plötzlich näher, greifbarer. Ich erinnere mich weniger an das, was gezeigt wurde, als an die Gesichter. Noch heute sehe ich diese Abende vor mir: die Morbacher, wie sie im Halbrund vor dem Schaufenster versammelt sind. Und mich selbst, mitten drin.