Kaltbaum!

Schelle-Mats, Bekanntmachungen und kindliche Lust am Unsinn.

Anfang der Sechzigerjahre war das Dorf noch eine eigene kleine Welt. Neuigkeiten wurden nicht telefonisch verbreitet, sondern per Aushang oder am Ladenfenster. Die wirklich wichtigen Botschaften verkündete der Schelle-Mats.

Etwa einmal in der Woche zog er durchs Dorf – von der Bahnhofstraße bis zum Oldenburg und hinauf zum Oberen Markt – und blieb an jedem markanten Platz stehen. Dort ließ er seine Schelle erklingen. Und wie! Minutenlang bimmelte und schepperte es durch Straßen und Gassen, bis auch die verschlafensten Dorfbewohner am Fenster hingen. Das war das Zeichen: gleich kommt eine wichtige Botschaft.

War das Läuten mit der rechten Hand endlich vorbei, richtete sich der Schelle-Mats auf, nahm das Mitteilungsblatt in die linke Hand, räusperte sich und legte los – immer mit demselben Auftakt:

„BEKANNTMACHUNG!“

Zumindest sollte es so heißen. Denn was bei uns ankam, war etwas ganz anderes. Heiner, Jonny, Alfons, Bohre-Paul aus der Bahnhofstraße und ich standen natürlich immer in der ersten Reihe. Nicht etwa aus Interesse. Sondern weil wir genau wussten, was jetzt kam. Aus Schelle-Mats’ verwaschener, nuschelnder Aussprache wurde in unseren Ohren aus "BEKANNTMACHUNG": „KALTBAUM!“ Kaum hörten wir das erste Bimmeln, unterbrachen wir unsere Nachmittagsbeschäftigung und stürmten herbei. Und noch bevor Mats richtig Luft holen konnte, brüllten wir im Chor:

„KALTBAUM! KALTBAUM! KALTBAUM!“

Dem Schelle-Mats gefiel das überhaupt nicht. Sein Gesicht lief rot an, er fuchtelte mit der Schelle durch die Luft und rief wütend: „Eich kennen eich! Un dat loo soon ich eire Eltere!“

Was uns natürlich nur noch mehr anspornte. Aber wir wollten keinen Ärger und verzogen uns rasch um die nächste Ecke. Schließlich hatten wir ja noch anderes im Dorf zu tun und der Schelle-Mats kam ja bald wieder...