Der Milchsalto

Von Milchkannen, Bauernhöfen und einer akrobatischen Technik, die erst nach vielen Verlusten perfektioniert wurde.

Als Junge hatte ich verschiedene Aufgaben und Pflichten. Ich musste die Wohnung warmhalten, indem ich regelmäßig Holz aus dem Keller heraufholte. Samstags wurden Hof und Glan gefegt, am Wochenende die Schuhe meines Vaters geschniegelt – und jeden Tag vor dem Abendessen musste ich frische Milch von Marxens Bauernhof holen.

Dafür hatten wir eine Milchkanne, die schon einige Dellen aus früheren Einsätzen aufwies. Der Deckel war auch irgendwann verloren gegangen.

Der Weg zum Bauernhaus war kurz – weniger als hundert Meter entlang der Bernkasteler Straße, vorbei an der Hebegasse und dann rechts bis ans Ende. Links lag die Scheuer, daneben der Eingang zum Stall, wo die Kühe ihr Reich hatten, und noch weiter rechts die Tür zum Wohnhaus. Ein niedriger Flur führte hinein: links ging es zum Stall, rechts ins Wohnzimmer, und am Ende lag die „Stuff“, eine karge, dämmrige Küche – das eigentliche Zentrum des Hauses.

Ich erinnere mich gut an die besondere Atmosphäre auf dem Weg durch den Flur: In der Dunkelheit hörte ich das tiefe Muhen der Kühe, ihr Scharren und Schnauben, und nahm gleichzeitig den schweren Geruch von Mist, vermischt mit dem Duft gedämpfter Kartoffeln, wahr. Oft saß die Familie bereits beim Abendessen. Besonders die älteren Jungen betrachteten mich als unwillkommenen Störenfried und ließen mich das deutlich spüren. Daran änderten auch die mitgebrachten Kartoffelschalen fürs Vieh nichts.

Das Füllen der Kanne mit frischer Kuhmilch ging schnell, und ich machte mich sofort wieder auf den Heimweg. Diesen gestaltete ich mir so abwechslungsreich wie möglich. Die Kanne war etwa zu drei Vierteln gefüllt, und eine meiner liebsten Übungen bestand darin, sie im Kreis zu schwingen, bis sie genügend Drehmoment hatte. Dann versuchte ich den Überschlag. Dabei musste ich darauf achten, dass es keinen Ruck oder Stopp gab – sonst schwappte die Milch über.

Anfangs war meine Technik noch wenig ausgereift. Nicht selten kam ich mit nur halb gefüllter Kanne zuhause an. Auf die Frage meiner Mutter, warum es heute so wenig Milch sei, erklärte ich, die Kühe hätten wohl einen schlechten Tag gehabt und nicht mehr geben wollen.

Doch ich übte weiter, feilte an meiner Akrobatik und perfektionierte den Milchsalto – bis ich schließlich immer mit voller Kanne nach Hause kam.

Meine Mutter freute sich darüber, wunderte sich jedoch, weshalb die Milchmenge plötzlich so konstant war. Ich sagte ihr, vielleicht seien die Kühe inzwischen einfach glücklicher geworden.