Lebensweg · Göttingen · Begegnungen

Das Haus gegenüber

Eines Tages kam Hilde mit dem Göttinger Tageblatt zu mir. In den Immobilienanzeigen wurde ein Haus in Nikolausberg zum Verkauf angeboten. Der Eigentümer wurde nicht genannt, aber die Beschreibung kam ihr bekannt vor. „Das könnte doch genau das Haus gegenüber sein“, sagte sie. Dort wohnte einer meiner Oberärzte mit seiner Familie. Ich hielt Hildes Vermutung für abwegig, denn er sollte in Göttingen bleiben, und ich war gerade dabei, ihm eine Professur zu verschaffen. Warum sollte er dann sein Haus verkaufen? So naiv war ich damals.

Als ich 2002 nach Göttingen kam, gehörte er zu den dienstälteren Assistenten. Er war bereits habilitiert, aber noch kein Oberarzt. Er machte einen pfiffigen Eindruck, war zielstrebig, nicht auf den Mund gefallen und sympathisch. Unter den Ärzten, die ich übernommen hatte, traute ich ihm wissenschaftlich am meisten zu. Ich dachte, aus dem könnte etwas werden.

Dass er mit seiner Familie genau gegenüber von uns wohnte, verstärkte den persönlichen Kontakt. Ich lud ihn und seine Frau gelegentlich zu uns ein, manchmal auch zusammen mit anderen Mitarbeitern. Seine Frau spielte sehr gut Klavier. Bei geöffnetem Fenster konnten wir daran teilhaben. Das hatte gelegentlich etwas Vorführendes: Seht her, mein Mann hat eine kunstbegabte Frau!

Die Kinder waren außergewöhnlich selbstbewusst. Der Sohn durfte zu Hause nur zwei Stunden am Tag an den Computer. Wenn er zu uns kam, versuchte er, seine Computerzeit bei uns fortzusetzen. Jan fand das auf Dauer etwas lästig. Unsere Kinder hatten freien Zugang zum Computer und verloren deshalb auch irgendwann das besondere Interesse daran. Sie spielten lieber draußen. Für den Nachbarsjungen blieb das Gerät dagegen eine Kostbarkeit, und ein Besuch bei uns bot die Möglichkeit, die häusliche Zeitbegrenzung etwas zu verlängern. Auch die Wünsche der übrigen Nachbarn nach Mittagsruhe beeindruckten die beiden Kinder wenig. Wenn sie zwischen eins und zwei mit ihren Rollschuhen über die Straße ratterten, mussten die Nachbarn damit leben. Sie waren es offenbar gewohnt, ihre Interessen offensiv zu vertreten.

Für mich spielte das damals keine große Rolle. Entscheidend war, dass ich in ihrem Vater erhebliches Potenzial sah. Ich half ihm bei der Ausarbeitung wissenschaftlicher Arbeiten und verzichtete dabei bewusst auf eine Mitautorschaft. Seine eigene Leistung sollte sichtbar werden, auch im Hinblick auf seine weitere Laufbahn. Ich konnte mir gut vorstellen, dass aus ihm einmal ein Chefarzt oder Professor werden würde, und begann, ihn gezielt zu fördern.

Die Frage, weshalb Krebserkrankungen bei Kindern biologisch anders verlaufen als die meisten Tumoren des Erwachsenenalters, beschäftigte mich seit Jahren. Besonders bei den embryonalen Tumoren ergab sich für mich eine recht klare Hypothese. Konnte es nicht sein, dass unreife Zellen dadurch zur Krebszelle werden, weil ihr Programm der natürlichen Differenzierung in eine reife, funktionsfähige Zelle durch einen genetischen Unfall gestoppt wird und die Zellen sich stattdessen unkontrolliert vermehren? Das Ergebnis wäre eine autonome Kinderkrebszelle, die sich zu einem Krebs auswächst.

Ich hielt das für eine Forschungsrichtung mit Zukunft und riet meinem Oberarzt, sich darauf zu konzentrieren. Wer wissenschaftlich weiterkommen will, braucht ein Thema, mit dem sein Name verbunden wird. Ein Alleinstellungsmerkmal, wie man heute sagen würde. Gleichzeitig war mir aus meiner früheren Arbeit klar, welche Möglichkeiten die DNA-Chip-Technologie und die Analyse ganzer Genexpressionsmuster eröffnen würden.

Aus meiner Heidelberger Zeit kannte ich den Leiter einer innovativen Arbeitsgruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum, die sich mit Genexpressionsanalysen bei Krebserkrankungen beschäftigte. Ich setzte mich mit ihm zusammen und fragte, ob er meinen Mitarbeiter für einen Forschungsaufenthalt aufnehmen würde. Nach meiner Erinnerung stellte ich ihn dafür frei. Ob zusätzlich ein Stipendium beteiligt war, weiß ich heute nicht mehr sicher. Sicher weiß ich, dass ich den Kontakt herstellte, mich für ihn einsetzte und ihm diesen Forschungsaufenthalt am DKFZ ermöglichte.

Natürlich überlegte ich bereits, wie es nach seiner Rückkehr weitergehen sollte. Ich machte ihn zum Oberarzt. Damit stieg er auf der akademischen Karriereleiter eine entscheidende Stufe nach oben. Gleichzeitig begann ich, innerhalb der Fakultät für eine C2-Professur zu werben. Diese Professur war für ihn gedacht. Sie war praktisch ad personam angelegt. Formal gab es selbstverständlich ein Ausschreibungs- und Auswahlverfahren, bei dem sich noch weitere Bewerber vorstellten. In der Fakultät war aber klar, wen ich auf dieser Position haben wollte. Auch eine C2-Professur fiel nicht vom Himmel. Ich musste die Fakultät überzeugen, die Stelle bereitzustellen, ihre wissenschaftliche Ausrichtung begründen und das Verfahren organisieren. Das alles tat ich, weil ich von ihm überzeugt war und ihn langfristig in Göttingen halten wollte.

Während seines Forschungsaufenthaltes hatte er sich in Heidelberg ausgesprochen wohlgefühlt. Auch nach seiner Rückkehr nach Göttingen nahm er weiterhin an gemeinsamen Unternehmungen und Skifreizeiten der Heidelberger Gruppe teil. Er war dort offenbar längst Teil der Gemeinschaft geworden. Ich sah darin zunächst nichts Besonderes. Wissenschaftliche Kontakte sollten schließlich über einen Forschungsaufenthalt hinaus bestehen bleiben.

Dann entdeckte Hilde die Verkaufsanzeige. Ich wollte nicht glauben, dass es sich um das Haus gegenüber handelte. Mein Oberarzt wusste, dass ich mich für seine Professur einsetzte. Ich ging davon aus, dass er in Göttingen bleiben wollte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Hilde recht gehabt hatte. Das Haus stand tatsächlich zum Verkauf.

Besonders empfindlich war für mich, wohin es ihn zog. Bei meiner eigenen Bewerbung nach Heidelberg war ich auf dem zweiten Listenplatz gewesen. Der Drittplatzierte war in einem wenig transparenten Verfahren an mir vorbei berufen worden. Diese Geschichte saß tief, und mein Oberarzt kannte sie. Ich hatte ihm sogar gesagt, dass er sich später überall bewerben könne, nur möglichst nicht ausgerechnet bei diesem Kollegen. Das war sicherlich eine weitgehende Bitte. Natürlich konnte er selbst entscheiden, wo er arbeiten wollte. Aber er wusste, was dieser Kollege und die Heidelberger Berufungsgeschichte für mich bedeuteten.

Am DKFZ wurde eine Forschungsleitungsstelle ausgeschrieben, die mit einer Professur verbunden war. Zugleich sollte der Stelleninhaber als Oberarzt an der Heidelberger Kinderklinik arbeiten. Sein klinischer Vorgesetzter würde ausgerechnet jener Kollege sein, der bei der damaligen Berufung an mir vorbeigezogen war. Mein Oberarzt bewarb sich und bekam die Stelle.

Dass die Heidelberger Professur attraktiv war, war für mich nicht der Punkt. Entscheidend war, wie er mit mir umging. Während ich in Göttingen die Fakultät von seiner Professur überzeugte und ein auf ihn zugeschnittenes Berufungsverfahren betrieb, hatte er offenbar längst andere Pläne. Sein Haus war zum Verkauf angeboten, als er mich schließlich lapidar darüber informierte, dass er die Professur am DKFZ bekommen habe und nach Heidelberg gehen werde.

Damit hatte er mich vorgeführt. Ich hatte mich vor der Fakultät mit erheblichem persönlichem Einsatz für ihn starkgemacht, während er offenbar schon wusste, dass er Göttingen verlassen würde. Und er ging nicht irgendwohin, sondern ausgerechnet zu meinem früheren Konkurrenten.

Ich hatte ihn wissenschaftlich gefördert, ihm den Forschungsaufenthalt am DKFZ ermöglicht, ihn nach seiner Rückkehr zum Oberarzt gemacht und eine Professur für ihn auf den Weg gebracht. Daraus entstand für ihn keine Verpflichtung, in Göttingen zu bleiben. Aber ich hätte erwarten können, dass er mir rechtzeitig und offen sagte, was er vorhatte. Das tat er nicht. Wir haben heute keinen Kontakt mehr.