2005 eskalierte die Situation in Göttingen. Die Zerwürfnisse mit Gärtner und Paul waren nicht mehr zu überbrücken. Unter diesen Bedingungen und mit diesen Menschen konnte ich mir ein Bleiben in Göttingen nicht vorstellen.
Die Alternative wäre gewesen, das zu tun, was viele in einer solchen Lage tun. Sich sagen: Ich habe noch zwanzig Jahre Berufsleben vor mir, die halte ich irgendwie durch. Das wäre für mich keine Lösung gewesen. Ich wäre vor die Hunde gegangen.
Ein- oder zweimal wurde ich damals vor den Vorstand geladen. Ich weiß noch, wie ich dort saß, wie ein Geprügelter auf der Anklagebank. Vor allem Bergmann, eine Witzfigur von Ärztlichem Direktor, machte mir sinngemäß – vielleicht sagte er es sogar wörtlich – klar, es sei jetzt fünf vor zwölf. Die Sache hatte etwas von einer Urteilsverkündung. Zugleich erinnerte sie mich lebhaft an meine Schulzeit: als Deutschlehrer Müller mich vor der Klasse als nicht oberstufenreif bezeichnete oder als ich wieder einmal beim Direx vorgeladen war. Totales Déjà-vu. Nur stand diesmal etwas mehr auf dem Spiel.
Ich war verzweifelt. Ein Lebenstraum war zerbrochen. Ich hatte die Nase vom universitären Betrieb gestrichen voll. Von den Menschen, die ich als Opportunisten erlebte und die trotz ihrer akademischen Titel emotional nicht besonders weit entwickelt schienen. In diese Welt passte ich einfach nicht hinein. Ich war ein unabhängiger Mensch, vielleicht auch ein Freak, und ließ mir von Idioten nur ungern mein Tun vorschreiben. Das war nicht unbedingt karrierefördernd.
In solchen Situationen denkt man nicht ausschließlich vernünftige Dinge. Eine Zeit lang dachte ich an Rache. Ich stellte mir vor, wie ich nachts zu dem von uns so genannten Führerbunker ging und die Reifen von Bergmann´s Volvo zu zerstechen. Es gab noch schlimmere Überlegungen, aber sie lösten das Problem nicht. Also ließ ich es bei den Gedanken.
Es blieben zwei Möglichkeiten: Entweder ging ich in Göttingen zugrunde, oder ich machte was anderes. Ich hatte auf meinem Lebensweg bereits einige Stationen hinter mir und konnte mir deshalb grundsätzlich vorstellen, noch einmal woanders anzufangen. Das Spektrum meiner Überlegungen reichte von der Rückkehr in die USA,um wieder ausschließlich wissenschaftlich zu arbeiten bis zur Gründung einer Kinderarztpraxis.
Eine eigene Praxis erschien mir zeitweise durchaus verlockend. Einige meiner Freunde waren diesen Weg gegangen und mit ihrem Leben mehr oder weniger zufrieden. Sie konnten vieles selbst bestimmen und hatten, abgesehen von der Kassenärztlichen Vereinigung, kaum jemanden, der ihnen das Leben erschwerte. Außerdem blieb ihnen genügend Freizeit. Dagegen war ich ein armer Tropf mit drei Berufen gleichzeitig. Ich war in einer Person Klinikdirektor, Hochschullehrer und Wissenschaftler und wurde dafür bezahlt wie ein niedergelassener Kinderarzt.
Die Bezahlung war allerdings nie das Entscheidende gewesen. Ich wollte Wissenschaft in die Klinik bringen und damit die Diagnostik und Behandlung von Kinderkrankheiten verbessern, besonders in der Onkologie. Das war mein eigentliches Ziel. Mit der Entscheidung, Göttingen zu verlassen, schien auch dieses Ziel nicht mehr erreichbar.
Also sah ich mich um. In Suhl, in der ehemaligen DDR, wurde damals ein Chefarzt für die Kinderklinik gesucht. Für eine Weile erschien mir sogar das als denkbare Alternative. Gut, dass ich diesen Gedanken nicht weiter verfolgte. Eine andere Möglichkeit war die Kinderklinik in Villingen-Schwenningen. Auch das war nicht gerade die Lösung, von der ich lange geträumt hatte.
Jutta Gärtner kolportierte damals genüßlich das Gerücht, Schweigerer habe sich in Villingen-Schwenningen als Chef der Kinderklinik beworben. Ich hatte den Eindruck, dass sie meine Lage mit einer gewissen Schadenfreude betrachtete. Sie saß mit Unterstützung des Vorstands am längeren Hebel, während ich in den Seilen hing. So empfand ich es damals. Aus Villingen-Schwenningen wurde nichts. Aus Suhl auch nicht. And das war gut so!
Dann sah ich im Deutschen Ärzteblatt eine Anzeige. Gesucht wurde ein Chefarzt für die Kinderklinik im Helios-Klinikum Berlin-Buch. Die bisherige Suche war erfolglos geblieben. Ein bereits angesprochener Chefarzt einer großen Berliner Kinderklinik hatte abgesagt. Für den damaligen Klinikgeschäftführer Jörg Reschke ergab sich damit die Möglichkeit, mich zu gewinnen. Und ich war zu diesem Zeitpunkt durchaus bereit, mich gewinnen zu lassen.
Die Entscheidung für Berlin war trotzdem nicht einfach. Die Kinderklinik in Buch war eigentlich abbruchreif. Das war kein Haus, bei dem man auf Anhieb dachte: Daraus lässt sich etwas Großartiges machen. Gerade darin lag allerdings auch eine Chance. In Berlin konnte ich bei null anfangen. Das tat ich.
Und dieser Weg ist im Kapitel „Berlin“ festgehalten. Meine Gedanken habe ich in einem Song vertont: „Ich geb nicht auf“.