September 2026
Mir drängt sich der Eindruck auf, dass viele Menschen heute so sehr mit dem Austausch in sozialen Medien beschäftigt sind, dass für ein Mindestmaß an Höflichkeit schlicht keine Zeit mehr bleibt.
Wenn überhaupt noch E-Mails verschickt werden, fällt oft auf: Der eigentliche Text und die Grußformel haben verschiedene Formate. Klar: Name und Kontaktdaten gehören in die feste Signatur. Die Grußformel darüber ist jedoch der persönliche Teil. Sie richtet sich an den jeweiligen Empfänger. Manchmal heißt es „Mit freundlichen Grüßen“, manchmal „Herzliche Grüße“, gelegentlich ist es sogar formeller. Wer auch diese Zeile fest abspeichert, spart sich die Entscheidung – und ein paar Sekunden Tipparbeit. Man denkt unweigerlich: Aha, der Verfasser hatte offenbar etwas Wichtiges mitzuteilen. Nur leider nicht die Zeit, seinen Gruß selbst zu schreiben.
Wer es noch eiliger hat, schreibt „Mfg“ ohne seinen Namen oder gleich „mfg“. Im Englischen wird aus „Best wishes“ kurzerhand „best“. Das soll wohl souverän wirken, nach dem Motto: Leute, schaut, ich bin so unentbehrlich, dass mir selbst für einfache Höflichkeit die Zeit fehlt. Tatsächlich sendet es aber eine ganz andere Botschaft: Sei froh, dass du überhaupt eine Antwort bekommst. Höflichkeit? Ist wohl verzichtbar.
In den sozialen Medien setzt sich diese Haltung nahtlos fort – insbesondere bei LinkedIn. Beiträge werden nicht geschrieben, um einen echten Austausch zu fördern, sondern um die eigene Bedeutung zu inszenieren. Am besten zu Themen, die gerade im Mainstream liegen und möglichst wenig Widerspruch hervorrufen. Hauptsache Klicks.
So entstehen dann Aussagen wie: „Ich freue mich einfach, dass ich (Name) und hoffentlich noch ganz viele andere Impact Speaker:innen dabei supporten kann, ihre wichtigen Messages zu teilen.“ Bei mir löst das vor allem einen Reflex aus: Kann der Verfasser kein Deutsch? Oder ist es ihm schlicht zu lästig, seine Gedanken klar zu formulieren? Oder glaubt man ernsthaft, mit diesem sprachlichen Mischmasch besonders zeitgemäß und weltläufig zu wirken – ein bisschen so, als käme man direkt aus dem Umfeld der großen Tech-Konzerne im Silicon Valley?
Wie auch immer: Auf mich wirkt so etwas schlicht respektlos. Da möchte jemand eine aus seiner Sicht wichtige Botschaft verbreiten, nimmt sich aber nicht die Mühe, sie für seine Leser verständlich und sorgfältig zu formulieren. Das ist keine Lockerheit. Das ist Nachlässigkeit – und die wird dann auch noch als Stil verkauft.
Am Ende ist es eine Frage der Form. Viele scheinen darauf keinen Wert mehr zu legen. Ich schon.