Gegenwart · Beobachtungen

Die Schildbürger von Berlin

Oder: Wie man Häuser verkauft, um sie später wieder kaufen zu können.

Es war einmal eine große Stadt namens Berlin. Sie hatte viele Einwohner, viele Schulden und viele Häuser. Die Einwohner wohnten in den Häusern, und die Schulden wohnten in der Stadtkasse. Dort fühlten sie sich besonders wohl, denn sie wurden von Jahr zu Jahr mehr. Eines Tages versammelten sich die Stadtväter im Rathaus. Ihr Bürgermeister hatte seine Stadt für arm, aber sexy erklärt. Das gefiel den Einwohnern sehr. Denn arm waren viele von ihnen ohnehin, und dass sie außerdem sexy waren, hatten sie bisher gar nicht gewusst.

„Wir brauchen Geld!“, erklärte der Kämmerer. „Dann müssen wir etwas verkaufen“, schlug ein Ratsherr vor. „Aber was?“ – „Unsere Häuser!“ – „Und wo sollen die Menschen dann wohnen?“, fragte der Bürgermeister. „In den Häusern natürlich.“ – „Aber wem gehören die Häuser dann?“ – „Den Käufern.“ – „Und uns?“ – „Das Geld!“ Die Ratsherren waren begeistert. Sie hatten gerade eine Möglichkeit entdeckt, Häuser zu Geld zu machen, ohne dass auch nur ein einziger Einwohner ausziehen musste.

Im Jahre 2004 verkauften sie deshalb die GSW mit rund 66.000 Wohnungen an private Investoren. Dafür bekamen sie 405 Millionen Euro; die Käufer übernahmen außerdem die Schulden der GSW. „Wir haben jetzt weniger Schulden!“, verkündete der Kämmerer. „Und weniger Häuser“, bemerkte ein Ratsherr. „Das ist doch gerade das Geniale!“, erklärte der Kämmerer. „Wir haben uns von unserem Eigentum befreit.“ – „Und von den Mieteinnahmen?“ – „Auch davon.“ Damit war die Sache erledigt.

Das große Zurückkaufen

Die Jahre vergingen. Berlin wuchs, die Mieten stiegen, und eines Tages stellten die Stadtväter fest, dass sie zu wenige eigene Wohnungen besaßen. „Weshalb haben wir denn so wenige?“, fragte ein Ratsherr. „Weil wir sie verkauft haben.“ – „Wer hat das getan?“ – „Wir.“ Der Ratsherr dachte lange nach. „Dann müssen wir sie zurückkaufen!“ Die Stadtväter waren begeistert. Im Jahre 2021 erwarben landeseigene Gesellschaften rund 14.750 Wohnungen von privaten Unternehmen. Dafür bezahlten sie ungefähr 2,46 Milliarden Euro.

„Wie viele Wohnungen haben wir jetzt mehr?“, fragte ein junger Ratsherr. „Vierzehntausendsiebenhundertfünfzig.“ – „Und wie viele neue Wohnungen sind dadurch entstanden?“ Der Kämmerer sah ihn verständnislos an. „Neue? Keine einzige.“ – „Wäre es dann nicht besser gewesen, für das Geld neue Häuser zu bauen?“ Die älteren Ratsherren schüttelten die Köpfe. Man sah, dass der junge Mann noch wenig Erfahrung in der Politik hatte. „Du verstehst das nicht“, erklärte der Bürgermeister. „Wir haben Wohnungen zurückgewonnen.“ – „Aber sie standen doch schon vorher da.“ – „Eben! Deshalb mussten wir sie garnicht erst bauen.“ Das leuchtete allen ein, sogar dem jungen Ratsherren.

Die große Erleuchtung

Nun gab es in Berlin aber immer noch viele Häuser, die anderen Leuten gehörten. Eines Tages erhob sich ein Ratsherr der Partei Die Linke. Diese hatte früher PDS geheißen und war schon dabei gewesen, als die Stadt ihre Wohnungen verkaufte. „Ich habe eine Idee!“, rief er. „Wir nehmen den Eigentümern die Häuser einfach weg!“ – „Wegnehmen?“ – „Natürlich. Wir nennen es Vergesellschaftung.“ Die Linken waren aus der ehemaligen sozialistischen Einheitspartei der DDR entstanden und besaßen deshalb ausgezeichnete Kenntnisse im Enteignen ihrer Bürger. – „Aber gehörten uns die Häuser nicht schon einmal?“ – „Das ist lange her.“ – „Und weshalb haben wir sie damals verkauft?“ – „Weil wir Geld brauchten.“ – „Und weshalb wollen wir sie jetzt zurück?“ – „Weil wir Wohnungen brauchen.“ Das leuchtete allen ein. Schließlich konnte niemand verlangen, dass eine Stadt gleichzeitig Geld und Wohnungen besaß.

Allerdings gab es ein Problem. Das Grundgesetz sah bei einer Vergesellschaftung eine Entschädigung vor. „Weshalb sollen wir denn bezahlen, wenn wir die Häuser wegnehmen?“, fragte einer. „Weil es im Gesetz steht.“ – „Dann zahlen wir eben weniger.“ – „Und wenn die Eigentümer dagegen klagen?“ – „Dann warten wir auf das Gericht.“ Das gefiel den Ratsherren. Warten war eine Tätigkeit, mit der sie große Erfahrung besaßen. Sie hatten schon auf neue Schulen, neue Brücken und einen Flughafen gewartet. Warum sollten sie nicht auch auf Wohnungen warten können?

Also ließen sie Gutachten schreiben, beriefen Kommissionen und diskutierten über Gesetze. Die Jahre vergingen, die Häuser standen weiter an ihrem Platz, und die Mieter zahlten weiterhin ihre Mieten. Ob ein künftiges Gesetz vor den Gerichten Bestand haben würde, wusste niemand. Eines Tages fragte ein Bürger den Kämmerer: „Und was machen wir, wenn die Gerichte die Vergesellschaftung verbieten?“ – „Dann lassen wir uns etwas neues einfallen.“ – „Und wenn sie sie erlauben?“ – „Dann müssen wir die Eigentümer entschädigen.“ – „Und woher nehmen wir das Geld?“ Der Kämmerer dachte lange nach. Dann hellte sich sein Gesicht auf. „Vielleicht“, sagte er, „könnten wir einen Teil unserer Häuser verkaufen.“ Die Ratsherren blickten einander an. Es war ein großartiger Gedanke. Wieso waren sie darauf nicht schon früher gekommen?

Und so lebten die Berliner weiter in ihren Häusern, die manchmal ihnen gehörten und manchmal anderen, je nachdem, was ihre Stadtväter gerade für richtig hielten. Die Schildbürger hatten seinerzeit versucht, Sonnenlicht in Schubkarren ins Rathaus zu fahren (Es war übrigens nicht das Rote Rathaus.). Die Berliner Stadtväter hingegen hatten ihre Häuser verkauft, einen Teil anderer Wohnungen teuer zurückgekauft und überlegten nun, wie sie sich noch mehr beschaffen könnten.

Nur eines hatten sie bei all ihrer Klugheit leider vergessen: Vom Wechsel des Eigentümers entsteht keine einzige neue Wohnung.