Mit 73 Jahren befinde ich mich in einem Lebensabschnitt, in dem der Tod allmählich zu einer konkreten Perspektive wird. Das bedeutet nicht, dass ich vorhabe, demnächst abzutreten. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass der größere Teil meines Lebens hinter mir liegt, ist ziemlich hoch. Und damit stellt sich die Frage: Wie wird das eigentlich sein, wenn es so weit ist?
Ich stelle mir vor, dass das Sterben eine ähnlich überwältigende Erfahrung sein könnte wie die Geburt. Beide Ereignisse markieren einen Übergang, über den wir wenig wissen. An unsere Geburt können wir uns nicht erinnern, und vom Tod ist bekanntlich ja auch noch niemand zurückgekommen, der uns berichten könnte. Vielleicht ist das Sterben schmerzhaft. Vielleicht ist es aber auch von einem tiefen Glücksgefühl begleitet. Vielleicht ist es beides.
Wenn ich an den Tod meines Vaters denke, bin ich eher zuversichtlich. Er ist in Frieden gestorben. In seinen letzten Augenblicken schien er etwas wahrzunehmen, das ihm keine Angst machte, sondern eher ein Gefühl von Staunen und Geborgenheit vermittelte. Was es war, weiß ich nicht. Aber ich habe dieses Erlebnis nie vergessen. Vielleicht wünsche ich mir deshalb, dass auch mein eigener Abschied einmal so sein wird.
Was vom Glauben geblieben ist
Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen. Religion gehörte zum Leben, mit allem, was damals damit verbunden war: Kirche, Gebete, Gebote und Verbote. Das meiste davon habe ich mittlerweile hinter mir gelassen.
Ein religiöser Mensch im traditionellen Sinn bin ich nicht mehr. Mit den Lehren der katholischen Kirche und insbesondere mit ihrem institutionellen Erscheinungsbild habe ich nichts mehr am Hut. Zu viel daran ist mir menschengemacht, zu viel Machtansprüche, Politik und Widersprüche. Aber etwas ist geblieben. Vielleicht könnte man es den Kern des Glaubens nennen. Nicht den Glauben an einen bestimmten Gott oder an einen Himmel, in dem wir uns irgendwann alle wiedersehen. Sondern die Vorstellung, dass unsere Existenz Teil eines größeren Zusammenhangs ist, den wir nicht wirklich begreifen.
Ich kann mir schwer vorstellen, dass mein Bewusstsein nach dem Tod in irgendeiner Form weiterbesteht. Andererseits weiß ich auch nicht, was Bewusstsein eigentlich ist. Wir können seine biologischen Grundlagen untersuchen, seine Funktionen beschreiben und seine Veränderungen beobachten. Aber warum wir überhaupt etwas erleben, warum es dieses subjektive Gefühl des Daseins gibt, ist damit noch lange nicht erklärt.
Was ich dagegen mit einiger Sicherheit weiß: Die Materie, aus der ich bestehe, wird nicht einfach verschwinden. Die Atome meines Körpers waren schon lange vor meiner Geburt vorhanden und werden auch nach meinem Tod weiter existieren. Sie werden Teil anderer Dinge, vielleicht anderer Lebewesen, irgendwann möglicherweise wieder Teil der Erde, der Meere oder der Atmosphäre. In diesem ganz materiellen Sinne geht nichts verloren. Ob das auch für das Bewusstsein gilt, ist eine andere Frage. Ich habe darauf keine Antwort. Vielleicht muss ich auch keine haben.
War es ein gutes Leben?
Wenn das Ende näher rückt, werden sich die meisten fragen, was davor gewesen ist. Habe ich mein Leben gut gelebt? Eine einfache Frage, auf die es für mich keine einfache Antwort gibt. Ich habe vieles richtig gemacht und manches falsch. Ich habe Erfolge erlebt und Niederlagen, Menschen geholfen und einige enttäuscht. Ich habe Entscheidungen getroffen, von denen ich heute nicht mehr überzeugt bin, und andere, zu denen ich nach wie vor stehe.
Während meines Berufslebens hatte ich einen ziemlich bescheidenen Wahlspruch. Wenn ich irgendwann ganz weg bin, sollten die Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, vielleicht sagen:
Schweigerer war eigentlich ganz okay.
Das klingt nicht besonders ehrgeizig. Für mich war es ein Anspruch. Ich wollte gerecht sein. Nicht unbedingt beliebt, denn das ist etwas anderes. Wer versucht, es allen recht zu machen, wird am Ende häufig niemandem gerecht. Ich wollte Menschen mit Respekt behandeln, unabhängig davon, welche Position sie hatten, welchen Beruf sie ausübten oder woher sie kamen. Ob mir das immer gelungen ist, müssen andere beurteilen. Aber ich habe es zumindest versucht. Und vielleicht ist das letztlich wichtiger als manche berufliche Leistung, auf die man einmal stolz gewesen ist.
Love, Devotion and Surrender
Vor vielen Jahren hörte ich die Musik von John McLaughlin und Carlos Santana. Ihr gemeinsames Album aus dem Jahr 1973 trägt den Titel Love Devotion Surrender. Beide Musiker waren damals Anhänger des indischen spirituellen Lehrers Sri Chinmoy. Dessen Lehre war von hinduistischen Traditionen geprägt und betonte insbesondere Liebe, Hingabe und die Überwindung des eigenen Egos. Mit solchen spirituellen Bewegungen habe ich mich nie besonders beschäftigt. Aber diese drei Worte sind mir im Gedächtnis geblieben.
Love. Devotion. Surrender.
Liebe. Hingabe. Loslassen.
Die Übersetzung des letzten Wortes ins Deutscheist nicht ganz einfach. Surrender bedeutet eigentlich Kapitulation, Sich-Ergeben. Aber das klingt mir zu sehr nach Niederlage. Nach einem Kampf, den man verloren hat. So möchte ich es nicht verstehen. Für mich bedeutet Surrender etwas anderes: den Widerstand aufgeben gegen etwas, das ohnehin nicht aufzuhalten ist. Vielleicht beschreiben diese drei Begriffe sogar unterschiedliche Phasen eines Lebens.
Liebe ist das, was uns mit anderen Menschen verbindet. Die Liebe zu unseren Eltern, unseren Kindern, zu einem Partner, zu Freunden. Aber auch eine grundsätzliche Zuneigung zum Leben und zu den Menschen, denen wir begegnen.
Hingabe bedeutet, sich auf etwas einzulassen. Auf eine Aufgabe, einen Menschen, eine Überzeugung. Sich einer Sache widmen, ohne ständig nach dem eigenen Vorteil zu fragen.
Beides hat mein Leben geprägt, wenn auch sicher nicht immer in dem Maße, wie ich es mir gewünscht hätte. Und nun kommt allmählich der dritte Begriff hinzu.
Surrender.
Das Loslassen.
Die Kunst des Loslassens
Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, etwas aufzubauen und festzuhalten. Wir erwerben Wissen, sammeln Erfahrungen, gründen Familien, schaffen uns ein Zuhause, entwickeln Überzeugungen und Vorstellungen davon, wer wir sind. Wir kämpfen um Anerkennung, um Erfolg, manchmal auch einfach darum, recht zu behalten. Und irgendwann müssen wir das alles wieder loslassen. Und zwar jeder von uns.
Nicht nur unseren Besitz oder unsere gesellschaftliche Stellung. Auch die Menschen, die wir lieben. Schließlich sogar die Vorstellung von uns selbst. Das ist vielleicht die schwierigste Aufgabe. Denn das eigene Ich ist uns über Jahrzehnte so selbstverständlich geworden, dass wir uns seine Abwesenheit kaum vorstellen können.
Wie soll das gehen? Wie kann ich mich selbst loslassen, wenn es doch gerade dieses Ich ist, das loslassen soll? Vielleicht liegt die Antwort darin, dass man gar nichts aktiv tun muss. Dass Loslassen nicht bedeutet, sich aufzugeben, sondern aufzuhören, sich festzuhalten. Der Tod wäre dann keine Niederlage, keine Kapitulation. Er wäre ein Übergang, dem man sich irgendwann nicht mehr widersetzt. Das klingt einfach. Ob es das auch ist, werde ich eines Tages erfahren.
Zwischen den Welten
Wenn ich versuche, mir den Sterbeprozess vorzustellen, denke ich weniger an einen bestimmten Ort als an einen Zustand. Eine Art Grenzbereich zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit, zwischenEinsamkeit und Glück,zwischen Erinnerung und Traum, zwischen dem Vertrauten und etwas vollkommen Unbekanntem.
Vielleicht lösen sich die gewohnten Zusammenhänge auf. Gedanken tauchen auf und verschwinden wieder. Erinnerungen vermischen sich mit Bildern, Empfindungen mit Vorstellungen. Zeit und Raum verlieren ihre vertraute Bedeutung. Ich kenne solche Zustände zumindest ansatzweise aus meinen Träumen.
Ich träume häufig und ziemlich lebhaft. Manchmal entstehen ganze Geschichten, manchmal sind es nur Bilder, die scheinbar zusammenhanglos aufeinanderfolgen. Landschaften, Menschen, Farben, Bewegungen. Dinge, die sich im nächsten Augenblick wieder auflösen. Vielleicht ist das Sterben so ähnlich.
Ein Meer im Dunkeln.
Sterne aus Staub.
Sonnen, die vergehen.
Weiße Kreise am Rand der Zeit.
Wüstensand, der in einer namenlosen Hitze verweht.
Bilder, die auftauchen, ohne dass man weiß, woher sie kommen. Und wieder verschwinden, bevor man sie festhalten kann. Vielleicht gibt es dabei auch Augenblicke von Angst. Vielleicht von überwältigender Liebe. Vielleicht ein Gefühl von Schwerelosigkeit, von Wärme und Geborgenheit.
Vielleicht ist da auch gar nichts. Ich weiß es nicht. Aber die Vorstellung, dass sich im Sterben die Grenzen zwischen unserem Ich und der übrigen Welt allmählich auflösen könnten, hat für mich etwas Tröstliches. Nicht weil ich daran glaube, dass ich anschließend in einer anderen Welt weiterleben werde. Sondern weil ich mir vorstellen kann, dass irgendwann auch das Bedürfnis verschwindet, unbedingt weiterleben zu müssen.
Ein Augenblick von Nichts
Aus diesen Gedanken ist ein Lied entstanden, das ich Augenblick von Nichts genannt habe. Es ist kein Lied, das eine Geschichte erzählt. Es besteht aus einzelnen Worten, Bildern und Empfindungen, die scheinbar unverbunden nebeneinanderstehen.
Den Song „Augenblick von Nichts“ anhören.
Feuer und Eis.
Stein und Zeit.
Vergebung.
Hingabe und Liebe.
Schwerelosigkeit.
Stille.
Diese Bilder sollen nichts erklären. Sie sind eher der Versuch, etwas auszudrücken, für das es keine zusammenhängende Sprache gibt. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb mir diese Form gefällt. Denn wenn ich mir das Sterben vorstelle, dann nicht als eine letzte große Erkenntnis, bei der plötzlich alle Fragen beantwortet werden. Vielleicht gibt es gar keine Antworten. Vielleicht verlieren die Fragen einfach ihre Bedeutung.
Die Erinnerungen verblassen. Die Gedanken werden weniger. Was eben noch wichtig war, spielt keine Rolle mehr. Namen, Gesichter, Erfolge, Enttäuschungen, Hoffnungen und Ängste ziehen vorbei und verschwinden.
Irgendwann bleibt nur noch ein Gefühl. Vielleicht Liebe. Vielleicht Frieden. Vielleicht nichts. Und dann ist da dieser letzte Schritt, der eigentlich keiner mehr ist. Das Loslassen.
Was bleibt
Ich habe keine Angst davor, dass die Welt ohne mich weitergehen wird. Sie hat schließlich auch einige Milliarden Jahre ganz gut ohne mich funktioniert. Und sie wird es wahrscheinlich auch weiterhin tun. Was von mir bleibt, werden andere entscheiden. Vielleicht ein paar Erinnerungen, Geschichten, Bilder, Texte. Vielleicht Menschen, denen ich etwas mitgeben konnte. Vielleicht auch nur ein flüchtiger Gedanke bei jemandem, der sich irgendwann an mich erinnert.
Das reicht mir. Ich muss nicht unsterblich sein. Ich möchte nur, wenn es so weit ist, ohne Bitterkeit gehen können. Ohne das Gefühl, noch etwas beweisen, gewinnen oder unbedingt zu Ende bringen zu müssen. Vielleicht schaffe ich das. Vielleicht denke ich dann noch einmal an meinen Vater und an den Frieden, mit dem er gestorben ist.
Und vielleicht werden mir die drei Worte einfallen, die mich seit meiner Jugend begleiten, ohne dass ich damals ihre Bedeutung wirklich verstanden hätte.
Love. Devotion. Surrender.
Liebe. Hingabe. Loslassen.
Und ganz zum Schluss:
Ein Augenblick von Nichts.