Willste Kuken?

Bremsbelagproduktion im Sauerland, ein VW Variant und ein herrliches Missverständnis.

1973

Wir hatten das Abitur in der Tasche, und bis zum nächsten Lebensabschnitt war noch etwas Zeit. Eines Tages wurden die Hunsrücker unter uns – Manni, Hans-Jürgen und ich – zum Direx Nuhn zitiert. Wir waren uns eigentlich sicher, dass wir dieses Mal nichts ausgefressen hatten. Und Nuhn eröffnete uns: Eine Morbacher Firma suche einigermaßen intelligente Ferienkräfte zur Mitarbeit. Das wäre doch sicher etwas für uns. Wir wussten natürlich, dass er uns nicht allzu hoch einschätzte. Er war wohl der Meinung, dass wir froh sein konnten, überhaupt einen halbwegs attraktiven Job zu finden.

Die Firma hieß Beral, stellte Bremsbeläge in Morbach her und hatte ihren Hauptsitz in Marienheide bei Gummersbach. Warum sie ausgerechnet Abiturienten einstellen wollten, blieb uns schleierhaft. Vielleicht hoffte man auf akademischen Nachwuchs für die Bremsbelagindustrie. Jedenfalls war das Angebot erstaunlich attraktiv: guter Stundenlohn, kostenlose Unterkunft in einer Pension und ein VW Variant 1600 als „Dienstwagen“, über den wir frei verfügen konnten. Das konnten wir unmöglich ablehnen.

So arbeiteten wir mehrere Wochen im Sommer 1973 bei Beral in Marienheide. Die Besetzung wechselte gelegentlich. Mal stieß Jürgen dazu, dann Mannis Bruder Heinz, und ich meine, sogar Werner – genannt „Bahnhof“ – sei zeitweise mit von der Partie gewesen.

Der Ablauf war immer ähnlich: Freitagnachmittag von Marienheide nach Morbach, dort das Wochenende genießen und mit dem Dienstwagen sämtliche Bier- und Weinfeste der Region ansteuern. Sonntagabends ging es zurück nach Marienheide. Wir holten aus dem Auto alles heraus, was möglich war. Mehr als 170 km/h schaffte der Variant nicht, und ungefähr das entsprach auch unserem angestrebten Reisetempo. Das Gefährt begann dabei bedenklich zu schwanken, aber wir wollten die Strecke möglichst schnell hinter uns bringen.

In der Fabrik pressten wir aus einem asbesthaltigen Trockengemisch mit hydraulischen Pressen Bremsbeläge für alle möglichen Fortbewegungsmittel. Die Arbeit war eintönig, staubig und schmutzig. Nichts, was wir uns für unser späteres Leben vorstellen konnten. Aber sie wurde ordentlich bezahlt. Manni trieb das Ganze noch weiter. In einem kleinen Nachbarort gab es ein Subunternehmen, das einen noch höheren Stundenlohn bot. Der war allerdings teuer erkauft. Die Fabrik war heruntergekommen, und gelegentlich löste sich eine der schweren Pressen aus ihrer Verankerung, einmal haarscharf an Mannis Hand vorbei. Danach kehrte er gerne wieder in unsere „saubere“ Marienheider Fabrik zurück.

Ein Erlebnis ist mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben. Wir kamen erschöpft von der Rückfahrt aus Morbach in unserer Pension an. Unsere Pensionswirtin war eine etwas schrullige Frau, die uns auf ihre Art bemutterte. Wir standen im Wohnzimmer. Auf dem Tisch stand ein frisch gebackener Kuchen, in der Ecke stand der Fernseher. Da fragte sie Jürgen in ihrem Marienheider Dialekt: „Willste Kuken?“ Jürgen strahlte. Er war überzeugt, sie wolle ihm ein Stück von dem köstlichen Kuchen anbieten. Wir waren meistens hungrig, und deshalb antwortete er begeistert: „Sehr gerne. Aber die anderen wollen bestimmt auch eins.“ Unsere Gastgeberin blickte irritiert zum Fernseher hinüber. Sie hatte ihn lediglich fragen wollen, ob er fernseh-kuken, also fernsehen wolle.

Uns fiel kollektiv die Kinnlade herunter. Wir mussten uns zusammenreißen, um nicht laut loszulachen über dieses herrlich absurde Missverständnis.

VW Variant 1600

Die Bilder zeigen Heinz und mich an der Presse und ein KI-generiertes Bild unseres „Dienstwagens“.