etwa 1973
Während unserer Gymnasialzeit in Bernkastel hatten wir bereits allerlei Freizeitaktivitäten, die finanziert werden wollten. Also hielten wir Ausschau nach kleinen Jobs. Jugendliche, die nicht ganz auf den Kopf gefallen waren und sich ein wenig Geld dazuverdienen wollten – also genau solche wie wir –, wurden damals gesucht. Mein Gonzerather Freund Manni und ich kamen auf die Idee, beim Morbacher Bauunternehmer Vitus Leis nachzufragen.
Denn auch in Morbach boomte die Wirtschaft. Das Krankenhaus in der Bahnhofstraße wurde neu gebaut, und Leis hatte den Auftrag erhalten. Leis suchte motivierte „Entnagler“ – Menschen, die Nägel aus gebrauchten Baubrettern herauszogen. Das konnten wir. „Wir“ – das waren Manni und ich sowie ein oder zwei weitere Freunde.
Bezahlt wurde nach Stunden. Allerdings wollten wir uns nicht wirklich verausgaben. Deshalb arbeitete meist nur einer von uns vor dem großen Stapel der Bretter, die entnagelt werden mussten. Die anderen entspannten sich, hinter dem Stapel liegend, und genossen den sonnigen Tag. Sobald der Polier auf dem Weg zu uns war, alarmierte der „diensthabende“ Entnagler die übrigen, woraufhin alle eifrig die nächstgelegenen Bretter entnagelten.
Ähnlich erfinderisch gingen wir beim „Kistenschrappen“ vor. Damals gab es noch die Brauerei Bernkasteler Bürgerbräu in Kues, dort, wo heute Lidl steht. Die Brauerei hatte offenbar günstig alte Bierkästen aus Hartplastik erworben. Einziger Nachteil: Auf den Kästen befanden sich noch die aufgedruckten Embleme der früheren Besitzer. Die mussten entfernt werden.
Dafür hatte die Brauerei eigens einen „Schrapper“ entwickelt: Der Handlauf eines alten Eisengeländers war auf etwa zwanzig Zentimeter gekürzt und am Ende um ungefähr 120 Grad umgebogen worden. Mit der Flex hatte man am Ende der Krümmung eine scharfe Klinge gefertigt. Damit ließ sich die Beschriftung abschaben – eine mühsame Arbeit. Für einen Kasten benötigte man ungefähr fünfzehn Minuten. Die Brauereileitung hatte uns, Manni, mich und ein paar andere Gymnasiasten, als „Schrapper“ verdingt. Nach Schulschluss und vor der Heimfahrt in den Hunsrück hatten wir meistens noch Zeit, um uns einigen Kästen anzunehmen. Bezahlt wurde pro Stück. Der Ablauf war einfach: Einen Kasten vom Stapel unbearbeiteter Kästen nehmen, die Aufschrift abschrappen und ihn anschließend auf den Stapel der fertigen Kästen stellen.
In einiger Entfernung befand sich allerdings ein großer Stapel von Kästen, die wir in den Tagen zuvor schon fertig geschrappt hatten. Wenn die Mitarbeiter der Brauerei außer Sicht waren, transportierten wir von dort einige Exemplare zurück – natürlich nur so viele, dass es nicht gleich auffiel – und fügten sie dem „neu bearbeiteten“ Stapel hinzu. Unsere kleine Trickserei ist nie aufgeflogen. Und gerne nahmen wir nach jeder Aktion ein paar Mark als Lohn entgegen.
So optimierten wir damals unseren Verdienst einigermaßen kreativ. Natürlich haben wir uns geändert und als Erwachsene unsere Arbeit ernsthaft und anständig erledigt. Rückblickend erscheinen uns unsere kleinen Tricksereien eher nicht als schlimme Verfehlung, sondern als harmlose Jugendstreiche. Heute lachen wir gerne gemeinsam über unsere damalige Kreativenergie.