Die Mädels, das Hirschhornsalz und der erste Kuss

Trier, Bremen, Hirschhornsalz und die ersten großen Gefühle.

Von links nach rechts: Wolfgang („Loisl“), Manni, Steffi, Iris, Hans-Jürgen („Algier“) und ich. Einige der Hauptdarsteller meiner Jugendjahre.

In der Schule waren wir natürlich in gemischten Klassen. Je älter wir wurden, desto interessanter wurden die Mädels für uns – und wir hofften, dass das auch umgekehrt galt.

Während der Pausen ergaben sich gelegentlich Gespräche. Die wirklich wichtigen Dinge passierten aber auf Ausflügen, Theaterfahrten und Klassenreisen. Dort war man plötzlich viele Stunden oder sogar mehrere Tage zusammen. Das schuf Möglichkeiten. Vor solchen Unternehmungen wurde jedenfalls sorgfältig vorbereitet. Duschen, Rasieren, Rasierwasser auftragen – alles, was ein fünfzehn- oder sechzehnjähriger Junge damals für wichtig hielt.

Manni und ich hatten von einem ganz besonderen Mittel erfahren. Es sollte die Sympathiewerte bei den Mädels erheblich steigern. Das Wundermittel hieß angeblich Hirschhornsalz. Woher wir diese Information hatten, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls waren wir überzeugt, dass Hirschhornsalz eine Art geheimes Aphrodisiakum sei.

Nun stand eine Kulturfahrt nach Trier bevor. Dort sollte es irgendeine Aufführung geben – Theater oder klassische Musik. Das interessierte uns nur am Rande. Wir hatten wichtigere Pläne. Am Vortag marschierten wir in eine Apotheke und kauften Hirschhornsalz. Schnell wurde uns allerdings klar, dass kaum ein Mädchen freiwillig einen Löffel Hirschhornsalz schlucken würde. Also entwickelten wir einen raffinierten Plan.

Wir kauften Marzipan. Die Idee war ebenso einfach wie genial: Das Hirschhornsalz wurde in das Marzipan eingearbeitet. Anschließend würden wir die Leckerei großzügig verteilen und den Rest der Natur überlassen.

So jedenfalls die Theorie. Die Praxis verlief weniger erfolgreich. Auf der Fahrt boten wir den Mädels unser präpariertes Marzipan an. Sie wunderten sich zwar über unsere plötzliche Großzügigkeit, schöpften aber sofort Verdacht. Diejenigen, die tatsächlich probierten, erklärten einstimmig, das Zeug schmecke scheußlich. Das Experiment war gescheitert. Die Mädels waren unverändert.

Und wir waren um eine Erfahrung reicher.

Dabei hätten wir das ganze chemische Aufrüsten gar nicht gebraucht. Auf der Rückfahrt von Trier war es dunkel. Irgendwann machte sich im hinteren Teil des Busses eine allgemeine Knutschstimmung breit. Dort saßen auch wir. Plötzlich waren sämtliche Zweiersitze von frisch entstandenen Pärchen besetzt. Es wurde geküsst, als gäbe es kein Morgen.

Und dort erhielt ich meinen ersten Kuss von Iris. Iris hatte etwas Geheimnisvolles an sich. Eine dunkle Schönheit. Für einen fünfzehnjährigen Jungen war das ein Ereignis, das man nicht so schnell vergaß.

Einige Jahre später ergab sich die nächste Gelegenheit bei einer Klassenfahrt nach Bremen. In der Jugendherberge wurde kräftig geflirtet. Die Mädels eroberten regelmäßig die Jungenzimmer. Weinflaschen machten die Runde, und die Stimmung war ausgesprochen lebhaft. Damals war ich in Steffi verliebt.

Steffi war blond, hübsch, liebenswert und offenbar ebenfalls nicht ganz abgeneigt. Während der Klassenfahrt ergab sich allerdings keine Gelegenheit, einmal allein zu sein. Das änderte sich erst nach unserer Rückkehr nach Bernkastel. Steffi hatte offensichtlich bereits einen Plan. Ihr Elternhaus lag nur wenige Minuten von der Schule entfernt. Und eines Tages hatten wir eine Freistunde.

Also gingen wir zu ihr nach Hause. Dort verbrachten wir einige wunderschöne Minuten miteinander. Leider verging die Zeit deutlich schneller als gedacht. Als wir bemerkten, wie spät es war, machten wir uns hastig auf den Rückweg zur Schule. Wir beeilten uns nach Kräften – allerdings vergeblich.

Mit hochroten Köpfen betraten wir gemeinsam den Klassenraum. Die meisten Mitschüler grinsten bereits. Offenbar hatte jeder verstanden, weshalb wir zu spät gekommen waren. Uns war das damals peinlich. Aber nur ein bisschen.

Heute denke ich gerne an Iris und Steffi zurück.

Sie waren die ersten Mädels, die ich liebte. Jede auf ihre Weise.