1960er Jahre
Als Jugendlicher macht man ja bekanntlich schon mal Dinge, die zwar nicht direkt verboten sind – aber auch nicht so richtig erlaubt. Sagen wir mal so: irgendwo dazwischen. Genau in dieser Grauzone bewegten wir uns ganz gern.
In den 1960er-Jahren gab es im Innerdorf von Morbach zwei Frisörläden: Nauert am Oberen Markt und Eibes in der Bahnhofstraße. Ich ging immer zu Eibes.
Damals achtete man sehr genau auf die Haarlänge – und das bedeutete: kurz. Für Männer und Jungen gab es eigentlich nur zwei Haarschnitte: Rundschnitt oder „Frisong“ (eigentlich Fasson). Aber das reichte auch völlig.
Feste Termine gab es nicht. Man ging einfach hin, wenn man Zeit und Lust hatte. Oft hatten allerdings mehrere Leute am selben Tag Zeit und Lust, vor allem vor den Feiertagen. Dann hieß es: warten.
Die Wartenden saßen auf der Bank links neben dem Eingang, den man nach ein paar Stufen erreichte. Dort saßen sie nebeneinander: Alte, Väter und Kinder. Man kam ins Gespräch – wobei „Gespräch“ vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Während des Haarschnitts redeten nämlich alle gleichzeitig und durcheinander: der Frisör, der Kunde im Stuhl und die Wartenden auf der Bank. Oft verstand man sogar, was gerade von allen gesagt wurde.
In besonderer Erinnerung geblieben ist mir ein Samstag Nachmittag, als Walter Merten, Obsthändler und Bordellbesitzer, sein Feiertags-„Styling“ bekam. Alle kannten ihn nur als „Meff“. Meff hatte das volle Programm gebucht – Haarschnitt plus Rasur. Entsprechend zog sich das Ganze hin. Hinter ihm die Schar der Wartenden, die den Fortschritt der Arbeiten an seinem Kopf aufmerksam und zunehmend ungeduldig verfolgten.
Dann entwickelte sich etwa folgende Unterhaltung: Einer der Wartenden rief dem Frisörmeister zu: „Hermann, loss dämm Meff die Ohre draan. Dä muss morje noch en die Kersch!“ Worauf dieser trocken entgegnete: „Wer schneidt dann hei? Dau oda eisch?“ So oder ähnlich ging es beim Haarschneiden zu.
Jedenfalls sorgten die Frisöre dafür, dass die Morbacher am Wochenende gepflegt aussahen – schließlich galt es, beim „Schaulaufen“ während der Kommunion und während des Hochamtes in der Kirche einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Das Originalbild entstand in den späten 1930er-Jahren und wurde von Ulrike Simon zur Verfügung gestellt.