Schwarzpulver und Schutzengel

Eine Geschichte über jugendlichen Leichtsinn, alte Zeltstangen und erstaunlich viel Glück.

frühe 1970er Jahre

Als Jugendlicher macht man ja bekanntlich schon mal Dinge, die zwar nicht direkt verboten sind – aber auch nicht so richtig erlaubt. Sagen wir mal so: irgendwo dazwischen. Genau in dieser Grauzone bewegten wir uns ganz gern.

Mit Heiner war ich schon seit frühester Kindheit unterwegs. Er war mein bester Freund, mein Komplize für alles, was halbwegs ein Abenteuer werden konnte. Irgendwann tauchte Manni auf. Warum eigentlich, weiß ich bis heute nicht so genau. Er kam nämlich gar nicht aus unserer Nachbarschaft, sondern wohnte „Am Kirschbaum“, unterhalb des heutigen Papierwerks Mettler. Vielleicht lag es daran, dass er ein bisschen anders war. Ein wenig verrucht vielleicht. Anfang der 70er Jahre trug er nämlich schon lange Haare. Heute würde sich darüber niemand aufregen. Aber damals fast eine kleine Sensation. Wie auch immer: Wir drei waren mal wieder auf der Suche nach irgendetwas Spannendem. Heute würde man sagen: nach einem ordentlichen Adrenalinschub.

Und so kamen wir – warum auch immer – auf die Idee, uns mit dem Basteln von Krachern zu beschäftigen. Heiner wohnte auf der Lay (eigentlich Unter der Lay). Auf der anderen Seite der Hunsrückhöhenstraße lag ein Gelände, das wir für das Munitionslager der Baufirma Leis hielten. Ob das wirklich so war, wussten wir nicht. Aber für uns stand fest: Wenn irgendwo „guter Stoff“ zu holen war, dann bestimmt dort. Also marschierten wir eines Tages los. Naiv wie wir waren, hofften wir einfach, dass vielleicht der Eingang offenstehen würde. Tat er natürlich nicht. Wir standen vor verschlossener Tür und waren maßlos enttäuscht.

Also musste Plan B her. Irgendwoher bekamen wir ein Rezept für Schwarzpulver. Ich meine sogar, dass wir das Salpeter ganz brav in der Apotheke besorgten. Danach gingen wir zu Heiner nach Hause und mischten die Bestandteile zu Schwarzpulver zusammen. Im Keller gab es eine Werkstatt. Der perfekte Ort für unser „Experiment“. Jetzt stellte sich aber die Frage: Wohin mit dem Schwarzpulver? Die nächste Eingebung: in alte Zeltstangen aus Metall! Perfekt! Also wurden sie kurzerhand in handliche Röhren zersägt.

Blieb noch die Kleinigkeit: Wie verschließt man die Enden? Zuerst versuchten wir es mit einer Zange. Keine Chance. Also dachten wir uns etwas anderes aus: Wir spannten die Stangen in eine Schraubzwinge und hämmerten die Enden – bereits mit Schwarzpulver gefüllt – mit einem Vorschlaghammer zusammen.

Wenn ich heute daran denke, läuft es mir kalt den Rücken runter. Wie leicht hätte sich das Pulver dabei entzünden können! Was dann passiert wäre, mag man sich gar nicht vorstellen. Aber wir hatten offenbar einen guten Schutzengel. Nach einigen Stunden Arbeit lagen mehrere fertig gefüllte Metallröhren vor uns. Wir bohrten noch jeweils ein kleines Loch für die Zündung hinein und begannen den nächsten wichtigen Schritt zu planen:

Der Einsatz! Natürlich sollte alles möglichst gefahrlos und unbeobachtet stattfinden. Also zogen wir los zum Hang gegenüber der heutigen Kläranlage. Dort legten wir jeweils eine schöne lange Schwarzpulverspur als Zündschnur. Wir warteten, bis der Herbstabend langsam in die Dämmerung überging. Dann wurde es ernst. Lunte anzünden – und rennen! Wir spurteten los, so schnell wir konnten. Und dann…

BOOOM!

Ein Donnerschlag, der durch die ganze Gegend hallte. Aus sicherer Entfernung sahen wir, wie unsere selbstgebauten Böller Löcher von fast einem halben Meter in die Erde rissen. Wir waren begeistert. Absolut zufrieden. Niemand hatte uns erwischt – und wir hatten ein Abenteuer der Extraklasse erlebt.

Wenn ich heute daran zurückdenke, erschrecke ich immer noch über unsere unglaubliche Sorglosigkeit. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar, dass uns damals nichts passiert ist. Und manchmal denke ich: Es ist vielleicht gar nicht so schlecht, wenn Eltern nicht alles erfahren, was ihre jugendlichen Kinder so treiben.