Advent im Kindergarten

Schneetage, der Nikolaus im Schaufenster und die Magie der Vorweihnachtszeit.

Wenn ich an den Winter meiner frühen Kindheit denke, sehe ich den Oberen Markt in Morbach vor mir – eingeschneit, ruhig und voller kleiner Wunder. Dort, wo heute die Sparkasse steht, befand sich damals unser Kindergarten. Ein schmuckloses Gebäude, erfüllt vom Klang lachender Kinderstimmen.

Ich erinnere mich noch gut an mein kleines Kindergartentäschlein aus Leder. Es war mit einer Schnur um den Hals gebunden – nicht etwa aus modischen Gründen, sondern damit ich es nicht verlieren konnte. Darin hatte Mutti mir stets eine Kleinigkeit eingepackt: ein Butterbrot oder ein Apfelstückchen. Jedenfalls etwas, das satt und zufrieden machte.

Der Weg zum Kindergarten war kurz – etwa 300 Meter von unserem Elternhaus in der Bernkasteler Straße entfernt. Doch für ein Kind waren das kleine Abenteuerreisen. Vor allem auf dem Heimweg, den ich mit meinen Freunden antrat – dem dicken Jonny Wilbert von der Aral-Tankstelle und Alfons Gorges vom Bauernhof gegenüber. Wir waren ziemlich gut eingespielt.

Damals war das Dorf sicher. Man konnte sich als Kind frei bewegen, ohne dass sich jemand große Sorgen machte. Denn das Dorf hatte Augen. Überall. Und man wurde durchaus freundlich, aber bestimmt kontrolliert: „Wämm seine bes dau dann?“ wurde man im Morbacher Platt gefragt. „Wem seiner bist du denn?“ Oder auf hochdeutsch: „Wessen Sohn bist du?“ So war man als Kind stets eingebettet in ein Netz aus Aufmerksamkeit und Schutz.

Wenn abends die Kirchenglocken läuteten, wussten alle Kinder: Jetzt aber heim! Und falls man das mal überhörte – keine Sorge. Die Erwachsenen sorgten dafür, dass man die Botschaft verstand.

Der Heimweg vom Kindergarten war selten ein geradliniger Marsch. Es war eher ein Wandern mit vielen Zwischenstopps: drei Schritte nach vorn, dann plötzlich innehalten, weil es etwas zu entdecken oder zu besprechen gab. Und ein ganz besonderer Halt war immer die Bäckerei Reichel, ebenfalls am Oberen Markt gelegen.

Gerade in der Vorweihnachtszeit war sie ein Ort der Magie. Durch das große Schaufenster drang der süße Duft frisch gebackener Plätzchen. Wir Kinder drückten uns mit roten Nasen und staunenden Augen an die Fensterscheibe. Denn dort stand der Nikolaus. Nicht irgendeiner. Ein beweglicher!

Er hatte einen Rucksack, war kunstvoll mit Kunstschnee bedeckt, und er bewegte sich. Ganz sachte drehte er den Oberkörper im Kreis. Diese langsamen, endlosen Bewegungen zogen uns völlig in den Bann. Man hätte uns stundenlang dort stehen lassen können – wir hätten nicht genug bekommen.

In unserer Fantasie war dieser Nikolaus lebendig. Vielleicht stieg er nachts aus dem Schaufenster, um Geschenke zu verteilen? Vielleicht sprach er, wenn niemand hinsah? Und die Plätzchen, die so verführerisch im Fenster lagen. Vielleicht waren sie gar nicht zum Verkauf, sondern nur für brave Kinder wie uns?

Oft lag Schnee – dicker, weißer Schnee, wie es ihn heute nur noch selten gibt. Und so kam ich auf meinem langen Heimweg vom Kindergarten – immer wieder aufgehalten von Wundern – nicht selten mit deutlicher Verspätung zuhause an.

Doch niemand nahm es mir übel. Denn das war der Winter in Morbach: still, behütet und voller kleiner Zauber.