Was macht man, wenn man angehender Teenager ist und am Nachmittag die Langeweile aufkommt? Man denkt sich irgendetwas Besonderes aus. Ideen hatten wir genug.
Jonny wohnte an der Aral-Tankstelle, und das war für uns fast wie ein Abenteuerspielplatz. Jonny – den manche im Dorf auch „Aralsäufer“ nannten –, Heiner und ich schlichen oft hinter der Tankstelle herum. Wir guckten in die Werkstatt, spähten in den Waschraum und passten dabei auf, dass wir Jonnys Opa nicht begegneten. Der war fast immer schlecht gelaunt. Und wenn er uns erwischt hätte, hätte es Theater gegeben.
Hinter der Werkstatt lagen alte Autoreifen. Perfekt! Jeder von uns schnappte sich einen, und heimlich verzogen wir uns an der Kohlehandlung Weyand vorbei, damit uns niemand sah. Mit einem Stock trieben wir unsere Reifen vor uns her und liefen los: den Gerberweg hinauf, weiter zur Jugendherbergsstraße, dann zur Lay, in die Gartenstraße und schließlich über die Saarstraße zum Neuweg.
Das war gar nicht so einfach, wie es aussieht. Der Reifen durfte nicht umkippen, musste geradeaus rollen und manchmal auch schneller werden. Es ging meistens geradeaus oder bergauf. Und das war ziemlich anstrengend.
Aber dann kam unsere Lieblingsstrecke: die Reitergasse. Als Spielstraße ausgewiesen gab es dort kaum Autos – und es ging bergab. Jetzt wurde es spannend. Wir machten ein Rennen: Wer schafft es als Erster bis zur Birkenfelder Straße?
Das Rennen war gar nicht so leicht. Wenn der Reifen zu langsam war, fing er an zu eiern und fiel um. War er zu schnell, raste er einfach davon und man konnte ihn kaum noch einholen. Dann knallte er irgendwo dagegen – und das bedeutete Ärger.
Mit viel Geschick schafften wir es tatsächlich, an Winnies Elternhaus und am Busunternehmen Ulbrich vorbei bis zur Birkenfelder Straße, ohne dass etwas passierte.
Wer gewonnen hat? Keine Ahnung. Aber ich weiß noch genau, dass wir die Reifen später wieder heimlich zurück hinter die Tankstelle brachten. Als wäre nichts gewesen.