In den späten Frühlings-, Sommer- und frühen Herbstmonaten waren wir als angehende Teenager auch außerhalb des Dorfes unterwegs. Meist in kleinen Gruppen, alle aus dem „Innerdorf“. Unsere Wege führten uns oft über die Jugendherbergsstraße, zwischen Winterschule und der Praxis von Dr. Dörr hindurch und weiter über die Hunsrückhöhenstraße zur Lay. Von dort ging es über das Wehr der Dhron ins Dhronbachtal.
Wenn wir viel Zeit hatten, liefen wir auch schon mal die Dhron entlang bis kurz vor Rapperath und bogen dann rechts ins Bocksbachtal ab. Von dort ging es weiter am Bocksbach entlang bis zur Huuscht und schließlich in die Nähe des Aussichtspunktes am Dreieck. Weite Strecken für uns – aber wir hatten ja Zeit und nichts anderes vor.
In dem kleinen Wäldchen zwischen Aussichtspunkt und Blechberg hatten wir – das waren Heiner, Jonny, Alfons, Bohre Paul und einige andere – unseren „Stützpunkt“ errichtet. Ein Waldhäuschen, das mit jedem Beutestück weiter wuchs: ein paar Bretter, ein paar Nägel, Seil und ein Stück Stoff – was uns auf unseren Streifzügen so in die Hände fiel. Für uns war das Häuschen zugleich Geheimtreff und Unterschlupf.
Dort saßen wir zusammen und träumten von großen Abenteuern und Rollen. Mal waren wir Robinson Crusoe, der mit Freunden auf einer einsamen Insel lebte. Dann wieder Robin Hood, der mit seiner Bande einsam durch die Wälder streifte. Aber am besten fanden wir die Rolle von Schinderhannes, der mit seinen Gefährten im Hunsrück für Gerechtigkeit sorgte und nun in Sicherheit war.
Unser Stützpunkt lag versteckt in einem dichten Bestand junger Fichten. Ganz geheim blieb er trotzdem nicht. Andere Jungen aus Rapperath oder dem Oberdorf waren ähnlich unterwegs wie wir und durchstreiften die Wälder rund um Morbach – mit wachsamem Blick auf fremde Häuschen.
Wir waren Konkurrenten: die Gruppen aus Rapperath, Oberdorf und Unterdorf. Und deshalb blieb ein Stützpunkt meist nicht lange unversehrt.
Viel dagegen tun konnten wir nicht. Also bauten wir, wenn nötig, einfach einen neuen Stützpunkt in der Nähe. Die Plätze wechselten, die Häuschen auch – aber das Eigentliche blieb: ein paar Bretter, ein Stück Wald und unser Gefühl, dort draußen ein Stück eigene Geheimwelt zu haben.