Nach dem Mittagessen und den Hausaufgaben begann für uns Kinder das echte Leben. Meist zog ich mit Heiner, Jonny und Alfons los. Wenn die beiden zuletzt Genannten keine Zeit hatten, zog ich alleine mit Heiner los. Heiners Opa besaß die Schreinerei nebenan, heute die Bushaltestelle zwischen Bernkasteler Straße und Gerberweg. Drinnen gab es Maschinen für alles, was man sich vorstellen konnte: Sägen, Hobel, Fräsen und Geräte, bei denen wir nicht verstanden, was sie eigentlich machten.
Aus den Holzresten bastelten wir Schwerter, Schilde oder was uns sonst gerade in den Sinn kam. Heimlich! Denn der Besitzer Ertze Jack hatte uns streng verboten, die Maschinen anzufassen. Wir waren aber schlau: Sobald er und sein Gehilfe Pitti die Schreinerei verlassen hatten, legten wir los.
Am besten gefielen uns die verbotenen Sachen. Irgendwann beschlossen wir, das Rauchen auszuprobieren. Mit ein paar Groschen marschierten wir zum Tabakladen Brück in der Bahnhofstraße an der Einmündung Breitwiese und kauften „krumme Hunde“ – drei Zigarren, ineinander gedreht wie ein Zauberstab. Im Gegensatz zu heute konnte man so etwas damals als Kind. Die Erwachsenen dachten sich nichts dabei.
Als geheimen Rauchplatz hatten wir uns das Dach des Bienenhäuschens hinter der Schreinerei ausgesucht. Über uns die Zweige eines Apfelbaums: perfekte Deckung. Feuerzeug gezückt, ran ans Werk. Wir rauchten tapfer, inhalierten den Rauch, husteten – und spürten … nichts! Da hatten wir uns schon mehr erwartet, zumal alle uns bekannten Erwachsenen das Rauchen irgendwie zu genießen schienen.
Jedenfalls waren wir schwer enttäuscht, und das Thema „Rauchen“ war für uns erst einmal erledigt. Jahre später haben wir uns dann doch wieder darauf eingelassen – mit Haschisch. Aber das ist eine andere Geschichte, mit ein paar anderen Leuten.
Hinter der Schreinerei schlängelte sich der Weg vorbei an Bienenhäuschen, Garten und Holzstapeln und endete am Gerberweg und der direkt am Morbach gelegenen Gerberei. Heute befindet sich dort ein Parkplatz und das Haus „In der Lauwiese 2“. Nach Feierabend oder am Wochenende streiften wir an der Gotterbach und der Kohlehandlung Ernst Weyand entlang und dann um die Hallen herum.
Die Gerberei war wie ein Schatz für kleine Entdecker: Wir sammelten Lederreste und bastelten daraus alles Mögliche – Halfter für Karnevalskostüme, Lederoberteile mit Fransen, Indianer- oder Cowboy-Outfits. Damals gab es den Ausdruck „kulturelle Aneignung“ noch nicht; heute würde man uns wohl als „Upcycling-Pioniere“ bezeichnen.
Wenn wir einmal besonders mutig waren, schlüpften wir in einem günstigen Augenblick ins Innere der Gerberei – staunten über das bunte Leder und die geheimnisvollen Chemikalien, die einen beißenden, süßlich-schweren Geruch verströmten. Rasch entfernten wir uns aus dieser fremden Welt zurück in unsere vertraute Umgebung. So vergingen unsere Nachmittage mit allerlei kleinen Ausflügen und Abenteuern.