Sonntage im Sommer

Kirchgänge, Sonntagsbraten, Betglock und die besondere Ruhe eines Hunsrückdorfes.

Wenn ich im Sommer einen ruhigen, sonnigen Sonntagnachmittag erlebe oder in der Abenddämmerung Glockengeläut höre, dann läuft vor meinem inneren Auge manchmal ein Film ab, der mich in die 60er Jahre zurückversetzt.

Eigentlich begann der Sonntag schon am Samstag mit den typischen, vertrauten Vorbereitungen. Bis spätestens 14 Uhr musste der Einkauf fürs Wochenende erledigt sein, denn dann schlossen die Geschäfte. Am Nachmittag kehrten alle die „Glan“ vor ihren Häusern. Aus den offenen Fenstern strömte der Duft von frisch gebackenem Streusel- oder Käsekuchen.

Bei uns zuhause bullerte bald der mit Holz befeuerte Badeofen. Einer nach dem anderen war mit dem Baden an der Reihe, denn das Wasser musste für mehrere Kinder reichen. Als zweitjüngster von sechs Geschwistern kam ich meist erst spät dran und stieg in das bereits getrübte und abgekühlte Wasser meiner Geschwister. Oft wünschte ich mir, einmal der Erste zu sein und in klares, heißes Wasser zu tauchen. Am Ende waren jedenfalls alle sauber. Der Sonntag konnte kommen.

Am Sonntagmorgen stieg die ganze Familie in ihre beste Kleidung. Jungs und Männer trugen Anzug; Jeans waren noch unbekannt. Vielleicht eine „Manchesterbux“, doch die wäre an einem Sonntag undenkbar gewesen. Dazu ein schneeweißes Nylonhemd und ein Schlips – fertig war die Sonntagsmontur. So geschniegelt und gestriegelt frühstückten wir, bis es Zeit für den Kirchgang war.

Wenn wir uns dem Oberen Markt näherten, dann sahen wir bereits aus der Ferne die Versammlung der Männer gegenüber der Kirche. Bis zum Beginn des Hochamts oder auch noch länger warteten sie vor dem Gasthaus „Zur Krone“. Dorthin zog es sie auch nach der Messe wieder zurück.

In der Kirche selbst war die Ordnung klar: Frauen links, Männer rechts, die Jugend vorne. Ganz hinten befanden sich die Stehplätze – das Revier der „Unfrommen“, die nicht ganz freiwillig die Messe besuchten. Sie gingen oft schon vor dem Schlussgesang wieder hinaus, um sich gegenüber in der „Krone“ einen Platz für den Frühschoppen zu sichern.

Dort wurde bei Bier und Zigaretten Skat gespielt, über die Neuigkeiten der Woche und das Fußball-„Spillche“ des SV Morbach am Nachmittag „dispudeert“.

Die Frauen hatten diesen Luxus nicht. Viele waren schon zur Frühmesse gegangen und standen nun zuhause am Herd. Auf unserem Nachhauseweg von der Messe atmeten wir tief ein. Denn nun waberte der verlockende Duft von Sonntagsbraten durch die Dorfstraßen.

Da es während der Woche kein Fleisch gab, war das Sonntagsessen jedes Mal für uns wie ein kleines Fest. Gegessen wurde erst nach dem Gebet, bei uns meist gegen halb zwei. Und bevor endlich der ersehnte Nachtisch aufgetragen wurde, stand noch die Lesung aus dem „Paulinus“ auf dem Programm: Einer von uns musste aus dem frommen Blättchen vorlesen, die Jüngeren mussten das Ganze über sich ergehen lassen.

Wir hassten diese „Pflichtlektüre“ – aber wir überstanden sie jedes Mal tapfer und mit Däumchendrehen.

Anschließend wartete die nächste Aufgabe: der Abwasch. Als Belohnung winkte das Anhören der vom Südwestfunk ausgestrahlten halbstündigen Kinderstunde auf der Philips Philetta. Wir fanden diese „Erpressung“ mit dem Abwasch ziemlich gemein.

Und dann kam der Nachmittag: Es war warm, das Dorf lag friedlich im flirrenden Sonnenschein. Die Zeit schien stillzustehen.

Ab und zu hörte man aus der Ferne ein Moped, das sich mühsam von der Hunsrückhöhenstraße kommend die Bernkasteler Straße hochquälte. Das Knattern und Scheppern kam näher, es stank nach Zweitakter.

Dann bog das Moped hinter der Treins Mistekaul nach links Richtung Unterer Markt ab, weiter in die Hochwaldstraße und schließlich verebbte der ganze Krach. Stille legte sich wieder über die in der sommerlichen Hitze liegenden Häuser des Unterdorfs.

Bald läutete die Betglock und der Sommersonntag ging zu Ende.