Ich bin heute wieder in einer Lage, die ich zuletzt als Kind erlebt habe. Ich habe keine Vorgesetzten mehr. Niemand kann mich vorladen, beurteilen, befördern oder verhindern. Ich muss auf keinen Vorstand, keinen Dekan und keinen Geschäftsführer mehr Rücksicht nehmen. Das ist ein Ausmaß an Freiheit, das ich lange nicht kannte.
Diese Freiheit erlaubt mir, noch einmal zurückzublicken. Wer waren die Menschen, die ich geachtet habe? Wer waren die weniger guten? Wer waren die Witzfiguren und Idioten? Und wer waren diejenigen, zu denen ich aufschauen konnte, weil sie nicht nur ein Amt innehatten, sondern als Menschen überzeugten?
Mit fertigen Menschen meine ich keine fehlerfreien Menschen. Die gibt es nicht. Ich meine Menschen, die in sich ruhten, etwas konnten und andere nicht kleinmachen mussten, um selbst größer zu erscheinen. Solche Menschen habe ich in meinem Leben kennengelernt. Es waren sogar ziemlich viele. Daneben gab es aber auch jene, deren Autorität mit dem Türschild begann und dort meistens schon wieder endete.
Die erste Begegnung mit solchen Unterschieden hatte ich in der Schule. In der Volksschule gab es Elfriede Bollinger. Sie mochte mich, nahm mich ernst und förderte mich. Deshalb habe ich sie respektiert. Später am Gymnasium gehörte mein Englischlehrer Herr Hein zu den Lehrern, an die ich mich gern erinnere. Er musste seine Autorität nicht inszenieren. Er hatte sie einfach.
Dann gab es die anderen. Husenbeck war ein Schürzenjäger mit Fettfrisur, der sich offenbar für einen interessanten Mann hielt. Auf mich wirkte er schmierig. Es gab Lehrer, die vielleicht ihr Fach beherrschten, aber keine Pädagogen waren. Zu ihnen gehörte für mich der Deutschlehrer Müller. Er erklärte mich vor der Klasse für nicht oberstufenreif. Pädagogisch war das vermutlich nicht die ganz große Leistung. Und schließlich gab es unseren Direktor, den Direx Nuhn. Auch er saß nach meiner Einschätzung auf einem Stuhl, der nicht recht zu ihm passte. Ich saß dafür häufiger auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch.
So lernte ich früh, dass ein Amt und echte Autorität zwei verschiedene Dinge sind. Das hat mein späteres Verhältnis zu Vorgesetzten nicht unbedingt vereinfacht.
Während des Studiums spielte das zunächst keine große Rolle. Ich kam mit meinen Hochschullehrern zurecht und hatte weder ausgeprägte Vorlieben noch besondere Abneigungen. Das Studium machte mir über weite Strecken Spaß. Erst im Berufsleben begegnete ich wieder häufiger Menschen, bei denen sich die Frage stellte, ob ihre Stellung und ihre Persönlichkeit wirklich zusammenpassten.
Mein erster Chef in der Gießener Pharmakologie war Hansjörg Teschemacher. Er war ein netter Kerl, etwas konfus und nach meinem Eindruck nicht immer fest im praktischen Leben verankert. Trotzdem konnte man mit ihm auskommen. Sein Konkurrent Hartmut Glossmann brachte es später wissenschaftlich weit. Als Mensch überzeugte er mich weniger. Noch im fortgeschrittenen Alter trat er gern als Sonnyboy auf: gebräunt, offenes, weißes Hemd und mitten auf den Festen der Studenten und Studentinnen. Er schien sich dabei für etwas Besonderes zu halten. Auf mich wirkte es eher unangebracht und peinlich.
Ganz anders erlebte ich damals Sucharit Bhakdi. Er war quirlig, freundlich und voller neuer Ideen. Mir gefiel, wie er seine wissenschaftliche Arbeit organisierte und mit welcher Geschwindigkeit er aus einer Beobachtung eine Fragestellung entwickelte. Für mich wurde er zu einem wichtigen Sprungbrett. Von ihm lernte ich einiges darüber, wie man Wissenschaft effektiv betreibt. Seine späteren öffentlichen Auftritte haben mich irritiert. Den Menschen, den ich dort sah, konnte ich mit dem Sucharit Bhakdi meiner Gießener Zeit kaum noch zusammenbringen. Wie es zu einer solchen Entwicklung kommt, weiß ich nicht. Der Mann, den ich damals kannte, war ein anderer.
In San Francisco begegnete mir mit Denis Gospodarowicz eine weitere schwierige Mischung. Wissenschaftlich war er genial. Gleichzeitig besaß er Seiten, die mir zwielichtig erschienen. Regeln und Grenzen, die für andere selbstverständlich waren, legte er mitunter großzügiger aus. Ich will das hier nicht weiter vertiefen. Die wissenschaftliche Größe und die menschliche Beurteilung ergaben bei ihm jedenfalls kein einheitliches Bild.
Mit Napoleone Ferrara arbeitete ich dagegen ausgesprochen gern zusammen. Er wurde später durch die Entdeckung und Erforschung von VEGF zu einem der bedeutenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Auch Gera Neufeld lernte ich in San Francisco kennen. Unser Verhältnis war anfangs gespannt. Er war Israeli, ich war Deutscher, und für ihn war die deutsche Vergangenheit keine abstrakte Geschichte. Seine Großeltern waren in Auschwitz von Deutschen ermordet worden. Ich konnte seine Distanz verstehen. Mit der Zeit lernten wir uns besser kennen. Wir respektierten einander und arbeiteten später intensiv zusammen. Gerade deshalb blieb mir diese Entwicklung in Erinnerung. Respekt lässt sich nicht verordnen. Er kann aber entstehen, wenn beide Seiten bereit sind, den anderen ernst zu nehmen.
In Heidelberg erlebte ich viele Menschen, die ich als Vorgesetzte und Führungskräfte nicht besonders achtete. Es wurde viel um Einfluss und Zuständigkeiten gerungen, und manche schienen den Konflikt geradezu zu benötigen. Gleichzeitig lernte ich dort zahlreiche jüngere Kolleginnen und Kollegen kennen, die später selbst Ordinarien wurden. Viele hatten unter denselben Verhältnissen gelitten. Ich glaube, dass einige von ihnen es später bewusst besser machten. Auch schlechte Vorbilder können lehrreich sein.
Marburg wurde für mich in vieler Hinsicht ein Tiefpunkt. Hannsjörg Seyberth war intellektuell ohne Zweifel begabt. Im Hunsrück hätte man ihn vielleicht trotzdem einen Dünnbrettbohrer genannt, was allerdings nicht ganz gerecht gewesen wäre. Sein Problem war nicht der Verstand. Es fehlte ihm nach meiner Wahrnehmung eher an Menschenkenntnis und an einem sicheren Gefühl dafür, wie man mit Mitarbeitern umgeht. Persönlich fand ich ihn durchaus sympathisch. Als Chef machte er vieles nicht gut. Beides kann gleichzeitig stimmen.
Essen war dagegen überwiegend eine gute Zeit. Werner Havers gehörte zu den Menschen, die ich als wirkliche Autorität erlebt habe. Er konnte entscheiden, Verantwortung übernehmen und anderen Freiräume lassen. Er musste seine Stellung nicht ständig vor sich hertragen. Von ihm konnte man lernen, wie man eine Klinik führt. Für mich war er ein Vorbild.
Danach kam Göttingen. Dort traf ich auf Jutta Gärtner und Thomas Paul, meine beiden "Kollegen". Was ich mit diesen beiden erlebte, bildete für mich einen menschlichen Tiefpunkt. Ich achtete sie nicht. Genauer gesagt: Ich verachtete die Art, wie sie sich mir gegenüber verhielten. Sie verfügten über ihre Ämter, ihre Titel und die Unterstützung des Vorstands. Echte Autorität besaßen sie für mich nicht. Auch im Vorstand saßen Menschen, die ich als unfertig erlebte. Günther Bergmann, der Ärztliche Direktor, war für mich eine Witzfigur. Ich nannte ihn den Einäugigen unter den Blinden. Er besaß Macht, konnte mich zu Gesprächen bestellen und mir erklären, es sei fünf vor zwölf. Respekt hatte ich vor ihm trotzdem nicht. Macht kann man qua Amt bekommen. Respekt nicht.
Natürlich ist dies meine Sicht. Gärtner, Paul und Bergmann würden die Geschichte wahrscheinlich anders erzählen. Das dürfen sie. Ich habe inzwischen den Vorteil, dass ihre Version für mein weiteres Leben keine Bedeutung mehr besitzt.
Nach Göttingen kam Berlin. Dort begegnete ich einer Welt, die mir zunächst fremd war. Die Geschäftsführer beschäftigten sich mit Abläufen und fragten, wie man Prozesse verbessern konnte. An der Universität hatte ich häufig erlebt, dass Menschen mehr Geld, mehr Personal und mehr Macht verlangten. Die Frage, ob die eigene Abteilung vernünftig organisiert war, wurde wesentlich seltener gestellt. Von den meisten Geschäftsführern in Berlin lernte ich deshalb einiges, auch von jenen, die ich menschlich nicht besonders schätzte.
Josef Zacher gehörte zu den besten Ärztlichen Direktoren, die ich erlebt habe. Er setzte sich für die Ärzte ein und behielt zugleich das gesamte Klinikum im Blick. Man konnte mit ihm unterschiedlicher Meinung sein, ohne dass daraus sofort ein persönlicher Feldzug wurde. Das klingt selbstverständlich. In Krankenhäusern ist es das nicht immer.
Es gab allerdings auch in Berlin Menschen, bei denen Amt und Person nach meiner Auffassung nicht zusammenpassten. Christian Straub erlebte ich als unfertig und an dieser Stelle fehlbesetzt. Mit Sebastian Heumüller machte ich besonders schlechte Erfahrungen. Was zwischen uns geschah, habe ich an anderer Stelle beschrieben. Mein Urteil über ihn fällt entsprechend aus.
Dann war da Henning T. Barberg. Auf das „T.“ legte er nach meiner Erinnerung einigen Wert. Ich begegnete ihm erstmals in der Helios-Zentrale. Er war damals in das Geschäft mit Klinikakquisitionen eingetaucht. Bei unserem Gespräch saß er mit den Füßen auf dem Schreibtisch und berichtete in herablassender Weise, wie er solche Übernahmen betrieb. Auf mich wirkte das nicht souverän, sondern wie eine sorgfältig einstudierte Vorstellung von Souveränität.
Später wurde Barberg in Berlin-Buch Nachfolger von Josef Zacher als Ärztlicher Direktor. Mein erster Eindruck verbesserte sich dadurch nicht. Zacher hatte für die Ärzte und das Klinikum gestanden. Barberg blieb für mich eine Fehlbesetzung. Auch ein weiterer Titel hätte daran nichts geändert.
Wenn ich heute Bilanz ziehe, waren die guten Menschen nicht unbedingt die erfolgreichsten und die schlechten nicht immer die erfolglosen. Manche Witzfigur brachte es erstaunlich weit. Manche wirkliche Autorität blieb bescheiden und wurde außerhalb ihres unmittelbaren Umfelds kaum bekannt. Titel, Ämter und beruflicher Erfolg eignen sich nur begrenzt zur Beurteilung eines Menschen.
Die Menschen, die ich respektierte, hatten dennoch einiges gemeinsam. Sie konnten etwas. Sie hörten zu. Sie übernahmen Verantwortung und mussten andere nicht demütigen, um sich selbst zu bestätigen. Elfriede Bollinger gehörte dazu, Herr Hein, Sucharit Bhakdi in der Zeit, in der ich ihn kannte, Napoleone Ferrara, Gera Neufeld, Werner Havers und Josef Zacher. Dazu kamen viele Kolleginnen, Kollegen, Pflegekräfte und Mitarbeiter, deren Namen in den einzelnen Geschichten stehen.
Heute stehe ich außerhalb der ganzen Konstruktion. Ich brauche keinen Ruf mehr, keine Vertragsverlängerung und keine Zustimmung eines Vorstands. Ich kann zurückblicken und sagen, wen ich gut fand und wen nicht. Das Urteil mag gelegentlich ungerecht sein. Aber es ist meines.
Diese Freiheit möchte ich noch einige Jahre genießen. Den einen oder anderen könnte ich heute, bildlich gesprochen, ans Bein pinkeln. Nur ist er mir dafür inzwischen zu unwichtig. Die guten Menschen behalte ich in Erinnerung. Die anderen sind mir egal.
Auch das ist Freiheit.