Studienbeginn oder „Äppelwoi in Owerhesse“

Losentscheid, Frankfurter Hof, Harlem, Luigi und die ersten Freiheiten.

Zwei Schönheiten nebeneinander: Müller und Possmann

1973

Die ersten Tage in Gießen verbrachte ich irgendwo in einer WG, vermutlich bei Manni. Vielleicht war es sogar die Wohnung in Krofdorf-Gleiberg, in der ich später mit Luigi und Uwe wohnen sollte. Genau weiß ich es nicht mehr. Aber klar war: Ich brauchte eine eigene Unterkunft.

Als „Losentscheidler“ im Nachrückverfahren war ich spät dran. Alles halbwegs Vernünftige war bereits vermietet. Und so blieb nur ein mieses Einzimmer-Apartment im Hinterhof des Hotels „Frankfurter Hof“. Für 110 Mark im Monat. Direkt unterhalb der Bahngleise. Oh Mann! Nachts wurden dort Eisenbahnwaggons rangiert. Oft war an Schlaf kaum zu denken. Und das war nicht das einzig Miese.

Ich gehörte nun zu etwa hundert frischgebackenen Medizinstudenten. Viele waren Einserkandidaten aus gutem Hause. Behütet, akademisch geprägt und auf eine Art selbstsicher, die mir fremd war. Man wurde etwa so angesprochen: „Duuhuu …“ Dann folgte der Rest des Satzes. Und verabschiedet wurde man mit: „Gehab dich wohl.“ Gehab dich wohl. Wie bescheuert! Ich dachte nur: Was für ein pseudointellektueller Haufen! Das war nicht meine Welt. Klein Lothar aus dem Hunsrück unter einer Ansammlung eingebildeter intellektueller Traumwandler, die meinten, sie seien für Höheres auserkoren.

Ein Lichtblick waren die anderen, die ebenfalls über das Losverfahren nachgerückt waren. Einige hatten einen ähnlichen Hintergrund wie ich und waren ganz in Ordnung. So lernte ich Rudi, Wolfram und Jörg kennen. Mit Rudi und Jörg bin ich bis heute sporadisch in Kontakt.

Dann gab es noch ein leicht verkorkstes Mädchen, dessen Namen ich vergessen habe. Sie trank gerne einen über den Durst. Einmal lag sie sternhagelvoll in meinem Bett in meinem schäbigen Apartment in der Frankfurter Straße. Zu mehr als Schlafen war sie allerdings nicht mehr in der Lage. Ich verlor sie bald aus den Augen.

Mein sicherer Hafen war Mannis WG. Dort gab es die „richtigen“ Typen. Schulversager wie ich, die nun allerdings ziemlich zielstrebig ihren Weg gingen. Werner mit seiner Honda und dem "Milieu"-Hintergrund, der etwas zuückhaltende Wolfgang aus dem hohen Norden und natürlich Manni. Mit ihnen erkundete ich die Kneipenlandschaft Gießens. Berühmt-berüchtigt war das Harlem. Darüber später mehr.

Ich wollte jedenfalls so schnell wie möglich aus meinem Apartment in der Frankfurter Straße heraus. An irgendeinem schwarzen Brett sah ich einen Aushang:

Mitbewohner gesucht in WG.

Die WG befand sich parterre im Haus Rodheimer Straße 27. Die Mitbewohner waren Jogi und Uli, beide Germanistikstudenten. Uli fühlte sich zu Höherem berufen. Magister mindestens. Vielleicht auch geistige Weltgeltung. Er hielt sich für einen begnadeten Intellektuellen mit einer Eloquenz, die ihresgleichen suchte. Eingebildeter Fatzke! Null Wellenlänge.

Mit Jogi hatte ich einen guten Draht. Er war ein Muskelpaket, studierte Lehramt mit Nebenfach Sport, und wir hatten gelegentlich Spaß miteinander. Auf Kneipentour gingen wir allerdings selten zusammen.

Denn da war ja Luigi!

Er wusste nach dem Abitur auch nicht so richtig, was er machen sollte. Sein Notendurchschnitt war etwas besser als meiner, und von mir hatte er gehört, dass es in Gießen ein Institut für Medizinische Dokumentation gab - wo Manni bereits war. Über die Hunsrück-Connection geriet er schließlich irgendwie in diesen Studiengang. Gemeinsam mit Hannes, einem weiteren Schulversager aus Wolfgangs Dunstkreis. Diese Truppe aus dem Institut für Medizinische Dokumentation sollte in Zukunft noch für viel Aufsehen, Spaß und Gelächter sorgen.

Zunächst aber war Luigi neu in Gießen. Ohne richtige Bleibe, ohne festen Anschluss. Ich meine, er übernachtete anfangs bei einem ehemaligen Schulkameraden. Also verabredeten wir uns an einem seiner ersten Abende im Harlem.

Das Harlem lag in der Schanzenstraße 38, also in fußläufiger Entfernung von meinem Germanisten-Domizil in der Rodheimer Straße. Heute stehen auf dem Grundstück des ehemaligen Harlem Mietshäuser. Damals war es ein heruntergekommener Hinterhof, in dessen Kellergewölbe man das Harlem eingerichtet hatte. Heute bekäme eine solche Absteige vermutlich keine Zulassung mehr. Aber wir waren im Jahr 1973.

Der Boden war Beton, die Wände waren dreckig, es roch nach einer Mischung aus verschüttetem Apfelwein, abgestandenem Bier und kaltem Rauch. In der Mitte gab es so etwas wie eine Tanzfläche. Uns waren diese Äußerlichkeiten egal. Im Harlem wurde nämlich die beste Musik gespielt. Discjockey war Klaus. Er begrüßte einen in oberhessischem Dialekt immer mit:

„Ass klaa hiää?“

An fast jeden Satz hängte er dieses „hiää“. Aber er spielte großartige Musik.

Nun zurück zu Luigi. Wir verabredeten uns ungefähr so: „Dann treffen wir uns heute Abend im Harlem.“ Luigi war frisch aus der Mosel-Provinz eingetroffen. Dort begann ein Abend um acht Uhr. Also stand er pünktlich um 20 Uhr im Harlem.

Gähnende Leere.

Ich hatte ihm zwar erzählt, dass das Harlem eine coole Kneipe sei. Ich hatte nur vergessen zu erwähnen, dass man dort frühestens gegen 22.30 Uhr erschien. Aber Luigi hielt eisern durch. Und dann ging die Post ab. Getrunken wurde Apfelwein. Müller oder Possmann. Immer in Ein-Liter-Flaschen. Dafür gab es ein Ritual.

Man trank gemeinsam aus einer Flasche. Mit dem Fingernagel wurden auf dem Papieretikett drei Markierungen angebracht, sodass der Inhalt in vier gleiche Abschnitte eingeteilt war. Jeder durfte bis zur nächsten Markierung trinken. In einem Zug. Wenn die Flasche leer war, dann zerdepperte man sie einfach auf dem Betonfußboden. Das war so üblich im Harlem. Am Ende des Abends waren die Ecken voller Scherben.

Luigi zog vorübergehend zu mir in die Rodheimer Straße. Von da an waren wir fast jeden Abend im Harlem. Irgendwann gegen frühen Morgen marschierten wir zurück. Dabei gab es ein festes Zeremoniell. Auf dem Rückweg mussten wir über die Lahn. Auf der Brücke wurde der letzte Schluck aus der Apfelweinflasche genommen.

Dann flog die leere Flasche Possmann in die Lahn.

Mein Song „Äppelwoi in Owerhesse“ handelt von diesen Erlebnissen.