Meine Erfahrungen mit dem Staatlichen Bauamt in Marburg begannen bereits, als ich noch in Heidelberg arbeitete. Für die geplante Klinische Forschergruppe sollten in der Marburger Kinderklinik neue Laborräume eingerichtet werden. Die Planung übernahm ich zunächst von Heidelberg aus. Ganz unerfahren war ich auf diesem Gebiet nicht, schließlich hatte ich schon ein Labor eingerichtet und wusste einigermaßen, worauf es dabei ankam. Für die bauliche Umsetzung war das Staatliche Bauamt zuständig, und mein Ansprechpartner war Helmut Allmeroth, ein typisches oberhessisches Gewächs. Er gehörte zu den Menschen, die grundsätzlich alles wissen, selbst wenn sie von der Sache nicht allzu viel verstehen. Jedenfalls sollte ich mit ihm noch einige interessante Erfahrungen machen.
Zunächst ging es um zwei Räume, die mit Labormöbeln ausgestattet werden sollten. Ich hatte Allmeroth mitgeteilt, was wir benötigten, und er fertigte die entsprechenden Pläne an. Als die Laborbänke schließlich eingebaut wurden, stellte sich heraus, dass zwischen ihnen kaum Platz blieb. Zwei Menschen konnten dort nicht gleichzeitig arbeiten, weil die Abstände viel zu gering waren. Damit waren die Laborbänke praktisch unbrauchbar. Wie man ein Forschungslabor planen kann, ohne die erforderlichen Bewegungsflächen zu berücksichtigen, blieb mir ein Rätsel. Aber das war erst der Anfang.
Ein weiteres Problem waren Moskitos, die sich in den Laborräumen ausbreiteten. Niemand wusste so recht, woher sie kamen, bis schließlich die Abwasserleitungen in Verdacht gerieten. Allmeroth entschied sich für die Oberhessen-Lösung und schüttete Beton in sämtliche Abflüsse. Das Problem war damit allerdings nur teilweise behoben. Es gab zwar weniger Mücken, aber ganz verschwanden sie nicht. Dafür waren die Abwasserleitungen nun zuverlässig außer Betrieb gesetzt. Inzwischen war unser Antrag auf Einrichtung der Klinischen Forschergruppe von der Deutschen Forschungsgemeinschaft abgelehnt worden, sodass ich mein Heidelberger Labor gar nicht erst nach Marburg verlegte. Es blieb in Heidelberg, wo ich weiterhin regelmäßig arbeitete, häufig auch an den Wochenenden. Damit hatte sich die Frage nach der Nutzbarkeit der neuen Laborräume für mich ohnehin erledigt.
Mit Allmeroth sollte ich allerdings noch einmal zu tun bekommen. Nachdem Professor Eschbach, der bisherige Leiter der Kinderonkologie, ausgeschieden war und ich meine Runde durch die Neonatologie und Intensivmedizin absolviert hatte, wurde ich schließlich Oberarzt und übernahm die Kinderonkologie. Gleichzeitig stand ein Umbau der klinischen Räume an. Geplant war eine interdisziplinäre Station mit den Schwerpunkten Kinderonkologie, Nephrologie sowie Diabetologie und Endokrinologie. Ich war mit der Grundsatzplanung beauftragt und machte mir insbesondere Gedanken über die Anordnung der Räume und die Lage der Türen. Das Gebäude war ein Altbau mit relativ engen Fluren, sodass man bei der Planung schon darauf achten musste, dass die Station später auch funktionierte.
Als die Bauarbeiten bereits im Gange waren, ging ich eines Abends noch einmal durch die zukünftigen Stationsräume. Dabei fiel mir auf, dass einige Türöffnungen ziemlich schmal geraten waren und außerdem so ungünstig lagen, dass ich bezweifelte, ob man mit einem Patientenbett überhaupt vom Flur in die Zimmer gelangen konnte. Ich sprach Allmeroth darauf an, doch der winkte ab. Das solle ich ruhig seine Sorge sein lassen, schließlich plane er schon ein bisschen länger als ich. Nun gut, dachte ich, er ist schließlich der Fachmann. Ganz überzeugt war ich allerdings nicht, und so ging ich später, als die Bauleute verschwunden waren, noch einmal auf die Station, holte mir ein Patientenbett und versuchte, damit vom Flur in eines der Zimmer zu gelangen. Es funktionierte nicht. Das Bett ließ sich schlichtweg nicht um die Ecke manövrieren.
Am nächsten Tag berichtete ich Allmeroth von meinem Versuch. Er wollte es zunächst nicht glauben, sodass wir das Experiment in seiner Anwesenheit wiederholten. Das Ergebnis war dasselbe. Das Bett passte nicht hinein. Nun ließ sich das Problem nicht mehr wegdiskutieren, und die gerade errichteten Wände mussten wieder aufgerissen und die Türöffnungen neu angelegt werden. Eine ziemlich aufwendige Angelegenheit, die man sich mit einem einfachen Versuch vor Baubeginn hätte ersparen können.
Ich habe mich später gelegentlich gefragt, wie solche Planungen überhaupt zustande kommen konnten. Es ging schließlich nicht um besonders komplizierte technische Probleme, sondern um elementare Voraussetzungen für den Betrieb eines Forschungslabors beziehungsweise einer Krankenhausstation. Dass zwischen zwei Laborbänken genügend Platz für die dort arbeitenden Menschen sein muss und dass man ein Patientenbett durch die Tür eines Krankenzimmers schieben können sollte, hätte eigentlich selbstverständlich sein müssen. Aber offenbar war das nicht überall so.
Diese Erfahrungen mit dem Marburger Bauamt waren für mich symptomatisch für vieles, was ich während meiner Zeit dort erlebte. Es mangelte nicht an Selbstbewusstsein und Zuständigkeiten, wohl aber gelegentlich an der Fähigkeit, die praktischen Anforderungen zu berücksichtigen. Und wer auf solche Mängel hinwies, bekam zunächst einmal erklärt, dass die Fachleute schon wüssten, was sie taten. Erst wenn das Bett nicht durch die Tür passte, wurde die Sache neu überdacht.