Im Mai 2019 sollte meine Tätigkeit als Chefarzt der Kinderklinik in Berlin-Buch enden. Ich hatte dann fast zwanzig Jahre lang Kinderkliniken geleitet, zunächst in Göttingen und anschließend in Berlin. Eigentlich war es an der Zeit, damit aufzuhören. Andererseits war ich noch nicht so weit, mich vollständig aus der klinischen Medizin zurückzuziehen. Ich konnte mir durchaus vorstellen, noch einige Jahre in Teilzeit zu arbeiten, allerdings ohne die Verantwortung für eine ganze Klinik.
Die Kinderklinik in Berlin-Buch hatte sich während meiner dreizehnjährigen Tätigkeit hervorragend entwickelt. Sie gehörte inzwischen zu den medizinisch und wirtschaftlich erfolgreichsten Kinderkliniken im Helios-Konzern. Das war auch außerhalb des Unternehmens nicht unbemerkt geblieben. Eines Tages meldete sich ein Headhunter bei mir und fragte, was ich denn nach meinem Ruhestand vorhätte. Ich fragte ihn: "woher wissen Sie denn, dass ich in den Ruhestand gehe?" "Na, von Professor Kiess." Wieland Kiess war der Direktor der Universitätskinderklinik Leipzig: ich kannte ihn gut und hatte ihn zu meiner Abschiedsveranstaltung in Berlin eingeladen.
Der Headhunter suchte einen neuen Chefarzt für die Kinderklinik in Frankfurt (Oder). Ob ich mir vorstellen könnte, diese Aufgabe zu übernehmen? Frankfurt (Oder) war mir nicht unbekannt. Ich kannte die dortige Kinderklinik und ihren früheren Leiter, Privatdozent Dr. Christoph Grüber, bereits aus meiner Berliner Zeit. Ich hatte mehrfach versucht, ihn für eine Zusammenarbeit in der pädiatrischen Onkologie zu gewinnen. Schließlich lag Frankfurt (Oder) näher an Berlin-Buch als an der Charité, und ich sah durchaus Möglichkeiten für eine sinnvolle Kooperation. Grüber stammte allerdings aus der Charité und blieb ihr eng verbunden. Seine krebskranken Patienten überwies er weiterhin dorthin. Ich hatte ihn deshalb persönlich besucht und versucht, ihn von einer Zusammenarbeit zu überzeugen. Das führte zu nichts. Grüber war ein zögerlicher Mensch, Typ Milchbubi, der seinen glorreichen Zeiten an der Charité immer noch nachtrauerte. Er hatte ja auch sonst kaum etwas gesehen. Grüber blieb unentschlossen, traute sich aber nicht, mir einen Korb zu geben. Mit solchen Menschen fand ich nie einen richtigen Draht.
Also versuchte ich es auf andere Weise. Ich organisierte eine Fortbildungsveranstaltung in der Höhle des Löwen. Also mitten in Frankfurt (Oder) und lud die dort niedergelassenen Kinderärzte dazu ein. Der Erfolg blieb überschaubar.
Anfang 2016 war Grüber überraschend verstorben. In den folgenden Jahren gelang es dem Klinikum nicht, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Die Kinderklinik wurde kommissarisch weitergeführt. Als mich der Headhunter ansprach, war die Chefarztstelle somit bereits seit mehreren Jahren vakant. Mein Interesse war zunächst begrenzt. Ich hatte eigentlich nicht vor, nach Berlin-Buch gleich wieder eine Kinderklinik zu übernehmen. Andererseits wusste ich aus Erfahrung, dass man eine solche Aufgabe nicht vernünftig in Teilzeit erledigen konnte. Entweder man übernahm die Verantwortung vollständig oder man ließ es sein.
Bevor ich mich entschied, wollte ich allerdings wissen, mit wem ich es in Frankfurt (Oder) zu tun bekommen würde. Die Erfahrungen mit der Klinikleitung während meiner letzten Berliner Jahre (Heumüller und Baberg) waren nicht gerade erfreulich gewesen. Eine Wiederholung brauchte ich nicht.
Also rief ich Jennifer Kirchner an. Wir kannten uns aus Berlin-Buch, wo wir bei der Planung der Maren-Otto-Kinderklinik eng und ausgesprochen gut zusammengearbeitet hatten. Jennifer war später Regionalgeschäftsführerin bei Rhön geworden, zu dessen Kliniken auch Frankfurt (Oder) gehörte. Ich fragte sie, wie sie den dortigen Geschäftsführer und den Ärztlichen Direktor einschätzte. Sie kannte mich schließlich gut genug, um zu wissen, dass ich nicht mit jedem zurechtkam. Jennifer beruhigte mich. Der Geschäftsführer Mirko Papenfuß sei in Ordnung, und mit dem Ärztlichen Direktor Thomas Funk würde ich ebenfalls gut auskommen.
Was ich damals noch nicht wusste: Thomas Funk hatte seinerseits Jennifer angerufen und sich nach mir erkundigt. Er wollte offenbar ebenfalls wissen, auf wen er sich da einlassen würde. Jennifer hatte ihm versichert, dass man mit mir gut zusammenarbeiten könne. Damit waren die gegenseitigen Erkundigungen abgeschlossen. Beide Seiten hatten dieselbe Auskunftsperson bemüht und offenbar zufriedenstellende Antworten erhalten.
Ich traf mich mit Thomas Funk, besichtigte die Klinik und besprach die Bedingungen. Die Einrichtung gefiel mir. Sie war technisch gut ausgestattet, hatte aber organisatorisch und konzeptionell erheblichen Nachholbedarf. Gerade das machte die Aufgabe interessant. Wir einigten uns schließlich auf eine auf zwei Jahre begrenzte Tätigkeit. Ich sollte die Kinderklinik organisatorisch und wirtschaftlich besser aufstellen, ein zukunftsfähiges medizinisches Konzept entwickeln und dafür sorgen, dass anschließend ein geeigneter Nachfolger die Leitung übernehmen konnte.
Eine wichtige Überlegung war bereits damals, die Kinderpsychosomatik als neuen Schwerpunkt aufzubauen. Die klassische stationäre Pädiatrie hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Viele Erkrankungen, wegen derer Kinder früher wochenlang im Krankenhaus geblieben waren, konnten inzwischen ambulant oder nach wenigen Tagen stationärer Behandlung versorgt werden. Eine Kinderklinik musste sich deshalb überlegen, welche Aufgaben sie künftig übernehmen wollte.
Über das Gehalt wurden wir uns ebenfalls einig. Ich würde weniger verdienen als zuletzt in Berlin-Buch, aber das war für mich kein entscheidender Gesichtspunkt mehr. Ich wollte schließlich keine neue Karriere beginnen.
Anfang Juli 2019 trat ich meinen Dienst in Frankfurt (Oder) an. Der Empfang war ausgesprochen freundlich. Bereits an der Einfahrt zum Klinikum leuchtete auf einer großen LED-Anzeige eine Begrüßung für den neuen Chefarzt. Das hatte ich in dieser Form noch nicht erlebt. Auch meine Mitarbeiter begrüßten mich herzlich. In meiner ersten Ansprache bedankte ich mich besonders bei Frau Dr. Cornelia Ast, die die Klinik während der langen Übergangszeit mit großem persönlichem Einsatz geführt hatte, und bei meiner neuen Sekretärin Michaela Rauscher.
Ich versprach den Mitarbeitern, nicht gleich alles umkrempeln zu wollen. Zunächst wollte ich mir die Klinik ansehen, mit den Menschen sprechen und verstehen, wie dort gearbeitet wurde. Gleichzeitig machte ich deutlich, dass ich Offenheit und Loyalität erwartete und dass meine Tür für jeden offenstand, der etwas mit mir besprechen wollte. Am Ende meiner Ansprache zitierte ich Georg Christoph Lichtenberg:
„Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“
Das war ziemlich genau das, was ich mir für meine zwei Jahre in Frankfurt (Oder) vorgenommen hatte.