Als ich im Sommer 2019 meine Tätigkeit in Frankfurt (Oder) aufnahm, stellte sich zunächst eine ganz praktische Frage: Wo sollten wir wohnen? Unser Lebensmittelpunkt lag weiterhin in Berlin, und daran wollten Hilde und ich auch nichts ändern. Schließlich hatte ich mich nur für zwei Jahre verpflichtet. Jeden Tag von Berlin nach Frankfurt (Oder) und zurückzufahren, erschien mir zunächst wenig verlockend. Also beschlossen wir, uns für die Dauer meiner Tätigkeit eine Wohnung in Frankfurt zu nehmen.
Wir fanden eine schöne Dreizimmerwohnung in der Oberstadt. Sie war geräumig genug, um dort nicht nur zu übernachten, sondern auch ein einigermaßen normales Leben zu führen. Hilde konnte sich ein Atelier einrichten und dort ihrer künstlerischen Arbeit nachgehen. Das war uns wichtig, denn wir wollten nicht zwei Jahre lang in einer Art Hotelbetrieb leben, in dem ich morgens zur Klinik ging und wir abends darauf warteten, wieder nach Berlin fahren zu können. Die Wohnung sollte ein zweiter, wenn auch vorübergehender Lebensmittelpunkt werden.
Die Wohnung selbst gefiel uns gut. Mit dem Umfeld sah es allerdings anders aus. Wir hatten in unserem Leben schon mehrfach den Wohnort gewechselt und dabei die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt. Normalerweise ergaben sich früher oder später Kontakte zu Nachbarn, manchmal Freundschaften, zumindest aber ein einigermaßen freundlicher Umgang miteinander. In Frankfurt (Oder) schien das anders zu funktionieren. Unsere Nachbarn waren nicht etwa zurückhaltend, sondern geradezu abweisend. Man begegnete sich, grüßte allenfalls und ging wieder seiner Wege. Ein Interesse daran, die neuen Hausbewohner kennenzulernen, war nicht zu erkennen. Wer hier wohnte, wollte offenbar vor allem eines: seine Ruhe haben. Und zwar möglichst auch vor seinen Nachbarn.
Eine bemerkenswerte Ausnahme gab es allerdings. Über uns wohnte ein Musiker, der regelmäßig Klavier spielte. Er war kontaktfreudig, aufgeschlossen und durchaus an einem Gespräch interessiert. Interessanterweise stammte er aus Westdeutschland. Ich will daraus keine soziologische Theorie ableiten, aber es passte zu einem Eindruck, den ich in Frankfurt immer wieder gewann: Diejenigen, mit denen man unkompliziert ins Gespräch kam, waren nicht unbedingt die alteingesessenen Frankfurter. Immerhin hatten wir mit unserem musikalischen Nachbarn nicht nur gelegentliche Klavierbegleitung, sondern auch einen Menschen im Haus, mit dem man sich vernünftig unterhalten konnte.
Weniger erfreulich war ein Ehepaar, das unter uns wohnte. Die beiden hatten die Angewohnheit, nachts draußen zu rauchen. Da Hilde und ich gerne bei geöffnetem Fenster schliefen, bemerkten wir ihre nächtlichen Zigaretten ziemlich zuverlässig. Der Rauch zog nach oben und in unser Schlafzimmer. So hatten wir neben der musikalischen Beschallung von oben auch noch eine regelmäßige Rauchversorgung von unten. Die Musik war angenehm, der Zigarettenrauch nicht. Es war eine dieser kleinen Alltagsbelästigungen, die für sich genommen noch keinen Umzug rechtfertigen, die einem aber mit der Zeit eine Wohnung gründlich verleiden können.
Auch mit Frankfurt (Oder) selbst wurde ich nicht warm. Die Stadt war für mich, um es wenig diplomatisch auszudrücken, ein elendes Kaff. Nach dreizehn Jahren Berlin empfand ich sie als trostlos, langweilig und in vieler Hinsicht provinziell. Natürlich gab es die Oder, einige schöne Gebäude und die Universität. Aber das änderte wenig an meinem Gesamteindruck. Frankfurt hatte über Jahrzehnte eine wichtige Rolle als Militärstandort der DDR gespielt, auch für die Nationale Volksarmee. Ich fragte mich gelegentlich, wie sehr diese Vergangenheit das gesellschaftliche Klima geprägt hatte. Jedenfalls begegnete mir eine Mentalität, die ich als ausgesprochen stur, verschlossen und wenig aufgeschlossen gegenüber Neuem empfand.
Vielleicht war das ungerecht. Schließlich hatte ich nur einen kleinen Ausschnitt der Stadt kennengelernt, und aus einigen unfreundlichen Nachbarn lässt sich kein Urteil über sämtliche Einwohner ableiten. Aber meine Erfahrungen beschränkten sich nicht auf unser Wohnhaus. Auch im Klinikum begegnete mir immer wieder diese eigentümliche Mischung aus Misstrauen, Beharren auf dem Gewohnten und einer gewissen Abwehr gegenüber allem, was von außen kam. Ich hatte den Eindruck, dass hier manches aus DDR-Zeiten überdauert hatte, obwohl die DDR seit dreißig Jahren Geschichte war. Die Mauer war verschwunden, aber in manchen Köpfen schien mir noch einiges davon übrig geblieben zu sein.
Das war umso auffälliger, weil wir auf unseren Ausflügen in die Umgebung durchaus andere Eindrücke gewannen. Die Landschaft mit ihren Wäldern und Seen gefiel uns ausgesprochen gut. Wir fuhren auch häufiger über die Grenze nach Polen und waren beeindruckt, wie sich dort vieles entwickelt hatte. Gepflegte Orte, erneuerte Straßen und eine spürbare Aufbruchsstimmung standen in einem merkwürdigen Gegensatz zu der Tristesse, die ich in Frankfurt empfand. Natürlich war auch in Polen nicht alles Gold, was glänzte. Aber dort hatte ich häufiger das Gefühl, dass man nach vorne schaute, während in Frankfurt manches eher auf Stillstand eingerichtet schien.
Hilde hielt es ohnehin nicht besonders lange in Frankfurt. Sie hatte zwar ihr Atelier in unserer Wohnung, blieb aber zunehmend lieber in Berlin, wo sie ihre gewohnte Umgebung, ihre Kontakte und ihre Möglichkeiten hatte. Ich konnte das gut verstehen. Für mich gab es wenigstens die Klinik, die mich tagsüber vollständig beschäftigte. Für Hilde gab es dagegen wenig, was einen längeren Aufenthalt in Frankfurt besonders attraktiv gemacht hätte. Und wenn ich abends nach Hause kam, wartete dort eben nicht das Leben einer interessanten Stadt, sondern eine schöne Wohnung in einem Haus mit abweisenden Nachbarn, gelegentlicher Klaviermusik und nächtlichem Zigarettenrauch.
Nach ungefähr einem Jahr hatten wir genug. Die Wohnung war nach wie vor schön, aber das allein reichte nicht. Wir beschlossen, sie aufzugeben und unseren Lebensmittelpunkt wieder vollständig nach Berlin zu verlegen. Der Rauch aus der Wohnung unter uns war dabei keineswegs der einzige Grund, aber er erleichterte die Entscheidung durchaus. Ich kaufte mir ein neues Auto und nahm fortan die tägliche Fahrt nach Frankfurt (Oder) in Kauf. Das bedeutete rund zweihundert Kilometer am Tag, aber wenigstens konnte ich abends wieder in meinem eigenen Bett schlafen, ohne dass jemand unter dem Schlafzimmerfenster rauchte.
Rückblickend war die Wohnung ein durchaus vernünftiger Versuch gewesen, die beiden Jahre in Frankfurt angenehmer zu gestalten. Gescheitert ist er nicht an der Wohnung, sondern daran, dass wir mit der Stadt und ihrem Umfeld wenig anfangen konnten. Wir waren nach Frankfurt gekommen, weil ich dort arbeiten wollte. Einen zweiten Lebensmittelpunkt hatten wir dort nicht gefunden.