Lebensweg · Frankfurt (Oder) · Leben

Zweihundert Kilometer täglich

Frankfurt (Oder) · Leben · 2019–2021

Nachdem wir unsere Wohnung in Frankfurt (Oder) aufgegeben hatten, musste ich mir überlegen, wie ich künftig zur Arbeit kommen sollte. Unser Haus in Berlin-Frohnau lag nicht gerade um die Ecke, und zwischen Frohnau und dem Klinikum Frankfurt (Oder) lagen rund hundert Kilometer. Das bedeutete zweihundert Kilometer täglich, fünfmal in der Woche. Ich hatte in meinem Berufsleben schon manches auf mich genommen, aber eine solche Entfernung regelmäßig zur Arbeit zu fahren, gehörte bislang nicht dazu. Andererseits war meine Tätigkeit in Frankfurt von vornherein auf zwei Jahre begrenzt, und einen Teil dieser Zeit hatte ich bereits hinter mir. Also kaufte ich mir ein neues Auto und beschloss, den Rest meiner Frankfurter Zeit als Berufspendler zu verbringen.

Die Strecke führte zunächst über den Berliner Autobahnring, die A10, und anschließend über die A12 in Richtung Frankfurt (Oder). An guten Tagen war die Fahrt in etwa 45 bis 60 Minuten zu schaffen. Das war angesichts der Entfernung durchaus akzeptabel. Allerdings gab es auch weniger gute Tage, und die waren nicht unbedingt selten. Der Berliner Ring gehört nicht gerade zu den Straßen, auf denen man sich auf eine gleichmäßige Verkehrslage verlassen kann. Ein Unfall, eine Baustelle oder einfach nur besonders viel Verkehr genügten, um aus einer überschaubaren Fahrt eine Geduldsprobe zu machen.

Besonders die A12 hatte ihre Eigenheiten. Sie ist eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Deutschland und Polen und entsprechend stark vom Schwerlastverkehr geprägt. Zeitweise hatte ich den Eindruck, dass halb Osteuropa auf dieser Autobahn unterwegs war. Lange Kolonnen von Lastwagen bewegten sich Richtung Grenze oder kamen von dort zurück. Dazwischen versuchten Pkw-Fahrer, irgendwie voranzukommen. Wenn ein Lastwagen zum Überholen eines anderen ansetzte und sich beide anschließend über mehrere Kilometer mit geringfügig unterschiedlicher Geschwindigkeit nebeneinander bewegten, hatte man reichlich Zeit, über den Sinn des europäischen Warenverkehrs nachzudenken.

Im Sommer ließ sich das alles noch einigermaßen ertragen. Schwieriger wurde es im Herbst und Winter. Morgens war es dunkel, abends ebenfalls, und dazwischen lag ein Arbeitstag in der Klinik. Regen, Nebel und gelegentlich Schnee machten die Fahrten nicht angenehmer. Besonders auf den von Lastwagen stark befahrenen Abschnitten erforderte das Fahren bei schlechter Sicht erhebliche Konzentration. Wenn ich nach einem langen Arbeitstag auf dem Heimweg war, hätte ich mir gelegentlich etwas anderes gewünscht, als noch eine Stunde auf der Autobahn zu verbringen.

Dabei war die Fahrt nicht immer nur unangenehm. Ich konnte die Zeit nutzen, um über den Tag nachzudenken, Probleme zu sortieren oder einfach Musik zu hören. Nach einem anstrengenden Kliniktag hatte es durchaus etwas für sich, eine Weile allein im Auto zu sitzen, ohne dass jemand etwas von einem wollte. Allerdings hielt sich dieser Vorteil in Grenzen, wenn man hinter einer endlosen Lastwagenkolonne festsaß oder auf dem Berliner Ring wieder einmal nichts voranging.

Eine Alternative wäre die Bahn gewesen. Frankfurt (Oder) verfügte schließlich über eine regelmäßige Zugverbindung nach Berlin. Für mich war sie allerdings wenig praktisch. Von unserem Haus in Frohnau hätte ich zunächst quer durch Berlin zu einem geeigneten Bahnhof fahren müssen, und in Frankfurt wäre anschließend noch der Weg zum Klinikum hinzugekommen. Die reine Zugfahrzeit mochte akzeptabel sein, aber die gesamte Reise von Haustür zu Haustür hätte erheblich länger gedauert. Das Auto war deshalb trotz aller Nachteile die vernünftigere Lösung.

Natürlich kostete die tägliche Fahrerei Zeit und Geld. Zweihundert Kilometer pro Arbeitstag summieren sich rasch. Bei fünf Arbeitstagen waren das rund tausend Kilometer in der Woche, und selbst wenn Urlaub, Feiertage und andere Unterbrechungen hinzukamen, blieb eine beträchtliche Fahrleistung. Hinzu kamen Kraftstoff, Verschleiß und die unvermeidliche Frage, weshalb ich mir das im Alter von inzwischen deutlich über sechzig Jahren eigentlich noch antat. Schließlich hatte ich ursprünglich im Mai 2019 in den Ruhestand gehen wollen.

Die Antwort war einfach: Die Arbeit in Frankfurt interessierte mich weiterhin. Ich hatte die Aufgabe übernommen, die Kinderklinik medizinisch und organisatorisch weiterzuentwickeln, und wollte sie ordentlich zu Ende bringen. Die täglichen Fahrten waren der Preis dafür, dass Hilde und ich wieder vollständig in Berlin leben konnten. Und diesen Preis zahlte ich letztlich lieber, als weiterhin in einer Stadt zu wohnen, in der wir uns nicht wohlgefühlt hatten.

Als meine zweijährige Tätigkeit im Sommer 2021 zu Ende ging, war ich deshalb nicht nur froh, die Verantwortung für die Klinik abgeben zu können. Ich war auch froh, dass die tägliche Fahrt auf der A10 und A12 ein Ende hatte. Zweihundert Kilometer am Tag sind auf Dauer kein besonders überzeugendes Modell für einen Ruhestand, den man eigentlich schon zwei Jahre zuvor hatte beginnen wollen.